Das mag jetzt, insbesondere im Anschluss an Jean Ziegler vom vorigen Beitrag, etwas unkorrekt klingen. Aber die Welt der Reichen und Schönen, wie sie in De Moor´s "Der Virtuose" dargestellt wird, ist schon anziehend - vor allem so, wie sie gekonnt beschrieben wird. Die offenbar größte Sorge und vordringlichste Aufgabe ist der persönliche Vergnügen, die Unterhaltung, sind Fragen des Stils, sind Klatsch und Tratsch und Befindlichkeiten, ist Luxus. Dass dieser Luxus nur auf Kosten enorm vieler anderer florieren kann, ist auch klar. Sich seinem Gefühlsleben, der Musik so vollends hingeben wie Carlotta, als gäbe es nichts anderes - es macht einfach Spaß, hier als Leser dabei zu sein, so eine Saison lang in Neapel...
Margriet de Moor: Der Virtuose
(Sz-Bibl. Bd.53)
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Montag, 12. August 2019
Sonntag, 21. Juli 2019
Die Geruchsuhr Modell Grenouille
Das 21.Jahrhundert hat die Dominanz der Wahrnehmung durch Sehen und Hören noch wesentlich verstärkt. Eine Konsequenz dessen, so scheint es, ist, dass die anderen Sinne in den Hintergrund gedrängt werden. Zugleich aber wird der Geruchssinn durch starke, künstliche Gerüche abgestumpft, was zu noch weiterer Reduktion der Wahrnehmungsleistung führt (analog für Schmecken). Und dann haben wir da Jean-Baptiste Grenouille (Patrick Süskinds Das Parfum entsprungen), der riecht vereinfacht gesagt alles und kann über den Geruchssinn alles erkennen. Wie wäre so eine Fähigkeit heutzutage? In der U6 alles andere als lustig, man würde verrückt werden, obwohl Grenouille hat das Paris des 18.Jahrhunderts auch ausgehalten. Und immerhin ist in der U6 Kebap, Leberkässemmel und Pizzaschnitte verboten worden. Im Alltag könnte man erkennen, wer einen anlügt (klar: lügen riecht anders), wer nervös ist, wer gerade mit wem in Verbindung war, was es heute allerorts zu Mittag gab (so haben wir dann die drei genannten, olfaktorischen Spezereien wieder im Odeur der U6). Wäre garnicht so lässig, wenn man von einer Supernase völlig durchschaut wäre. Aber vielleicht kann ja die übernächste Google-Watch "Modell Grenouille" mit Riechsensoren das dann schon, in Verbindung mit Alexa wird das Ding dann frech: "Jetzt mach´ Dich nicht an wegen sowas. Schwitzer! Hey, die heiße Biene da drüben gefällt Dir wohl? Streit es nicht ab. Uh, ertappt, also wenn das ihre Uhr auch riechen kann, wird´s peinlich. Amason-Übertünchungsduft #4711 anwenden, automatische Chatanfrage,..." Umgekehrt kann die heiße Biene stets ihre Wirkung auf die Umgebung checken und bei Spitzenwerten (wo? natürlich in der U6) automatisch ein Update auf Insta hochladen (wo es von NeiderInnen geliked wird). Schöne neue Welt.
Patrick Süskind: Das Parfum.
Patrick Süskind: Das Parfum.
Donnerstag, 5. April 2018
Das 18. Jahrhundert, so sittsam unkorrekt
Ich finde ja die Entstehungsgeschichte schon mal bemerkenswert. Dem Herrn Cleland geht irgendwann die Kohle aus, und er überlegt sich, wie er diesem Umstand begegnen kann. Sex Sells dürfte auch schon im 18. Jahrhundert gegolten haben, also hat er einfach Die Memoiren der Fanny geschrieben - und dann: zuerst hat ihm der Verleger nicht viel abgegeben. Aber die Öffentlichkeit wollte vor weiteren dieser Werke verschont bleiben und so wurde er (monetär) ruhig gestellt.
Das Werk selbst besticht durch seine Sprache: ständig wird zum Angriff gerufen. Ist das anfangs noch amüsant, braucht sich der Effekt ab, genauso wie die Defloration, die Cleland so wichtig gewesen scheint, dass er sie mit den Kolleginnen von Fanny vervierfacht. Insgesamt natürlich eine Sichtweise der Männer und naiv dieselbe. Oder war die Welt damals nicht komplizierter? Und dann ist das ganze aus heutiger Sicht so wundervoll politisch inkorrekt, vom Alter der Beteiligten, oder auch dem Verkauf der Unschuld, oder auch die Szene mit dem geistig Retardierten. Und die große Parallele zu de Sade: am Ende die Läuterung und die Umkehr zur völligen Tugend.
Das Werk selbst besticht durch seine Sprache: ständig wird zum Angriff gerufen. Ist das anfangs noch amüsant, braucht sich der Effekt ab, genauso wie die Defloration, die Cleland so wichtig gewesen scheint, dass er sie mit den Kolleginnen von Fanny vervierfacht. Insgesamt natürlich eine Sichtweise der Männer und naiv dieselbe. Oder war die Welt damals nicht komplizierter? Und dann ist das ganze aus heutiger Sicht so wundervoll politisch inkorrekt, vom Alter der Beteiligten, oder auch dem Verkauf der Unschuld, oder auch die Szene mit dem geistig Retardierten. Und die große Parallele zu de Sade: am Ende die Läuterung und die Umkehr zur völligen Tugend.
Donnerstag, 1. März 2018
Die Philosphie des Bösen
Auch wenn Justine und Julitte vielleicht eine zusammengebastelte Geschichte war, ursprünglich, so könnte die Botschaft nicht klarer sein. Maches alles entsprechend der Tugend und dem Gehört-sich richtig, scheitere nie an deinen hehren Prinzipien, dann ist der Weg in den Abgrund vorbestimmg und geebnet. Und sogar die Vorsehung schickt dir am Ende noch lieber den Blitz als tatenlos zuzusehen, wie du es einmal gut hast. Umgekehrt, je mehr du vom rechten Weg abweichst, desto weniger kann dir geschehen. Je größer die Verbrechen, desto sicherer bist du. Warauf basiert aber De Sades Philosophie? Auf etwas nicht wegzudisktuierendem wie gleichsam leicht zu beweisenden: der Natur. Basis ist, dass die Natur vorsieht, dass sich der Stärkere den Schwächeren zu nutze macht. Und in De Sades Jahrhundert umgemünzt ist aus dem Starken der Reiche, aus dem Schwachen der Arme geworden. Heute käme noch dazu, dass der Ort der Geburt, also 1., 2., 3. Welt (bei De Sade noch als unterschiedliches Klima gesehen) entscheidend ist. Aber sonst hat sich da garnichts geändert. Und auch heute kommt einem schon sehr oft vor, als würde das Böse stets gewinnen, und je frecher und niederträchtiger jemand ist, desto weiter kommt er in jeder Hinsicht. Eine Antwort auf diese Philosophie hat man nicht wirklich parat. Das wäre ja wider die Natur!
Marquis de Sade: Gesammelte Werke (u.a. Justine und Juliette, Eugenie de Franvale, Florville und Courval, Ernestine. Eine Erzählung aus Schweden.)
Marquis de Sade: Gesammelte Werke (u.a. Justine und Juliette, Eugenie de Franvale, Florville und Courval, Ernestine. Eine Erzählung aus Schweden.)
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