Posts mit dem Label Wien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Wien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 6. August 2020

Kein Lercherlschas (Wien 1919)

Krimis, die eher für eine breite Leserschaft geschrieben werden, verwenden oft eine Teilmenge von recht bekannten Handlungselementen (z.B. der Kommissar gerät selbst in Verdacht; er kooperiert mit weniger gefährlichen Bösen,...) und bringen somit nicht viel Neues. Auch die Psychogramme des jeweiligen Kommissars muten auch langsam "fertig" an: man spürt förmlich, wie die AutorInnen versuchen, aus der Menge der Macken, die es so gibt, möglichst skurrile zu kombinieren. (Hier schreit es freilich nach einer Datenbank, welche die beiden Mengen beinhaltet und per Zufall das Gerüst einer Krimi-Kommissar-Relation ausgibt. Umberto Ecos Schriftstellerautomat kommt mir da in den Sinn.)

Wo noch viel geht, ist der weitere Kontext, Charaktäre, Hintergründe, Orte und Zeit. Alex Beer, sie hat hier ein ganz spezielles Kapitel österreichischer Geschichte aufgeschlagen, nämlich die Zeit unmittelbar nach der Niederlage des I.Weltkrieges in Wien. Mit gehörig viel Lokalkolorit (kann es zu viel sein?) und auch sprachlich (der "Lercherlschas" kommt tatsächlich vor) sowie auch in sozialer Hinsicht hat sie sich hier eingearbeitet und nimmt den Leser mit. Natürlich: die Kanalisation Wiens nach Kriegsende, klingt schon nach Dritter Mann, dafür Kriegsverbrechen während des I.Weltkrieges - ist einmal ein Denkanstoß, den man so nicht sofort hat. Etwas abgegriffen auch schon der Rückgriff auf die Offenbarung des Johannes im Titel. Aber gesamt eine gelungene Unterhaltungslektüre.

Alex Beer: Der zweite Reiter.

Freitag, 22. Dezember 2017

Der Alltagsbetrachtungsdienstleister

Jetzt könnte man den Autor, Andreas V. Engel, natürlich fragen: wo ist Dei(ne) Leistung? Weil nach der Lektüre von "Gemischte Sätze" könnte man ohne weiteres sagen: hier ist nichts ER-funden, sondern alles nur GE-funden. Weil Wien, da findest Du alles. Havlitschek, Einfalt, Mariann sowie alle denkbaren "Originale" und Themen. Nichts muss man erfinden, einfach in die Straßenbahn setzen oder ins Kaffeehaus, nicht (!) die Ohren zustöpseln und Wien und seine Bewohner auf sich wirken lassen. So einfach geht das. Einfach? Dann doch nicht, denn die aufmerksame Beobachtung des Alltages reicht bei weitem nicht aus. Die Übersetzung in eine Textform, das Destillieren des Wesentlichen, das Übersteigern des Irrwitzigen, der Spiegel, den er uns vorhält: das ist die Leistung. Dass er, der Engel, das dann auch noch in verschiedenen Disziplinen, sprich Textsorten beherrscht, in Reim und Prosa, in Dialog und Erzählung, macht aus dem Buch ein kurzweiliges. Aber sind wir nicht alle Spezialisten? Tankwart, Kellner, Baumarktverkäufer (hier ist allerdings die Kompetenz des Versteckens vor dem Kunden nicht so einfach zu erlernen), Supermarkt, Möbelkassierer, Banker  und so weiter. Der Spezialist für die nach-denkliche Perspektive oftmals be-denklicher, aber gerne übersehener Obskuritäten haben wir jedenfalls gefunden - endlich etwas, das wir nicht selbst machen müssen. Danke.

Andreas V. Engel (2017): Gemischte Sätze. Humoristische Sichtweisen auf den Alltag.