Samstag, 8. Juni 2019

Der Spieler und der Samariter und das Model und und und

Ein bißchen hat der Elsberg schon ein Kochrezept. "Etwas" gerät aus den Fugen und anfangs Unbeteiligte sehen sich auf der Flucht und bedroht. Dazu werden aktuelle Themen aufgeriffen und verarbeitet. Ob der mathematische Beweis eines Gesellschaftsmodell der Kooperation wirklich als so bedrohlich wahrgenommen werden würde, dass man gleich eine Killertruppe in Bewegung setzt? Ein bißerl schwer zu glauben. Die Zeichnungen sind auch witzig (am Anfang zumindest). Trotzdem finde ich diese Vermengung von Action und Tüfteln kurzweilig - und "Gier" ist auch wieder besser als "Helix", wovon ich nicht so begeistert war.

Marc Elsberg: Gier.

Donnerstag, 6. Juni 2019

Und trotzdem: zufrieden

Ich mag Ricardito, die Hauptfigur in "Das böse Mädchen". Von außen betrachtet macht er so ziemlich alles falsch, aber das sieht erselbst nicht so tragisch. Freilich grämt er sich jedes Mal, wenn sein böses Mädchen weg ist. Aber es geht weiter, und selbst gegen Ende, als es ihm schon nicht mehr so gut geht, wirkt er gelassen und in sich gesetzt. Er ist, etwas, das heute abhanden gekommen ist, zufrieden. Das 21.Jahrhundert lebt von der Unzufriedenheit. Keiner würde mehr mit dem bösen Mädchen in einer Wohnung mit geringen Ambitionen glücklich sein. Das ist vermutlich ein Fehler, den wir als Oberflächlichkeit bezeichnen. Wird nicht besser werden, fürchte ich.

Mario Vargas Llosa: Das böse Mädchen.

Donnerstag, 16. Mai 2019

Der neue Mann v2.0

Angelika Hager hat das Buch "Kerls!" vorgelegt, das sich dem Thema "Mann im 21.Jahrhundert" annhähern möchte bzw. am Klappentext sogar als "diskrete Schulungsunterlage für den feministischen Macho" gepriesen wird. Ich glaube, viel vom dem wird ohnehin frommens Wunschdenken bleiben. Zum einen gibt es viel zu wenige Männer, die überhaupt in der Lage sind, diese Ansprüche zu erfüllen. Das führt dazu, dass die Nachfrage nach diesen überbordend wird. Und dann fällt das zurück auf die Frauen, weil was glaubst Du, was für einen Anwert Du (in jeglicher Hinsicht) aufs Tableau legen musst, um da dran zu kommen und ihn auch (be-)halten zu können. Die Frage ist jetzt: wie können sich einigermaßen vernunftsbegabte, aber eben nicht zur Elite der alternativen Wunderfuzzis gehörende Männer einen Weg da durch finden?
Gleich vorweg: es gibt heute ein Portfolio an Regeln (das Wort Mindeststandards liegt da eher zu niedrig angesetzt), die ohne Umschweife einzuhalten sind, korrektes Verhalten, no go´s beachten, althergebrachte Irrtümer ("Wenn eine Frau nein sagt, meint sie ja") über Bord werfen. Das muss in jeder Situation gelten, auch wenn einer in einem Zustand ist, wo er nachher sagen will: eine bsoffene Gschicht. Als nächstes: Verbindlichkeit. Abrücken von diesem "alle Möglichkeiten offen halten", nach "allen Seiten bereit sein". Wenn Euch eine Frau wirklich fasziniert, dann seid nur auf sie fokkussiert, aufmerksam, aber auch nicht schleimerisch. Die restlichen Frauen werden vom v2.0 korrekt behandelt, aber Bevorzugungen und die große Zuvorkommenheit sind nun kein Element des Knigge mehr. Aufmerksamkeit ist ohnehin schon ein knappes Gut und sollte dann nicht breit verschwendet werden. Nicht zu vergessen ist, dass es einen großen Gap zwischen Sein und Schein gibt: die Nettigkeitsfalle. Nette Kerls werden gemocht, aber sie kommen nicht zum Zug. Den will Frau als Freund, aber nicht als Partner. Bei all den Anforderungen muss Mann nicht mitspielen. Es ist ohnehin zielbringender und entspannender authentisch zu sein, Trends und Lifestyles außen vor zu lassen. (Wobei nochmal: haltet Euch verdammt noch mal an die Regeln!)
Die Idee ist, dass der v2.0 wieder etwas vom Gleichgewicht herstellt, das mit den Anforderungen des "neuen Mannes" verlorgen gegangen ist. Mich erinnert das an den Hype-Cycle, was hier derzeit abgeht: der Hype wird nachlassen, und es wird wieder einen Erwartungswert geben, den (relativ) viele erfüllen, der aber trotzdem neu ist gegenüber der Version Mann vor dem neuen Mann v1.0. Da müsst Ihr hin, das ist der Auftrag: korrekt sein, sich trotzdem nicht völlig aufgeben.

Mittwoch, 1. Mai 2019

Wer ist hier verrückt? Besser: wer nicht.

Das Schema ist auch hierzulande nicht unbekannt. Eine äußere Hülle, etwa ein Konzern, wird betrieben, damit sich intern alle nach Möglichkeit bereichern und tun, was sie wollen. Übertreibt man es, geht die Bude vor die Hunde, aber dann sind die Schäfchen im Trockenen, und Schuldige lassen sich nicht genau feststellen. Dass es in Krankenhäusern mitunter drunter und drüber geht, merkt man, ohne ein Interner zu sein. Die Kombination, die vermutlich eher in den USA läuft, nämlich Krankenhaus und Unternehmen mit Melkkuh Versicherungen, ist dann schon spannend. Noch spannender: eine Psychoklinik, Mount Misery. Der Ansatz ist verrückt, und die Leidenssationen von Roy G. Bash werfen die Frage auf, wer hier am verrücktesten ist (doch nicht die Patienten).

Trotz des guten Plots geht dem Buch irgendwie das Geniale von "House of God" ab, warum könnte ich garnicht sagen. Es gibt Skurriles, Heiteres, Komisches und Charaktäre, die sich jeder für sich einen Abschlussapplaus verdient haben. Vielleicht ist es ein bißchen gekünstelt, ein bißchen zu psychisch.

Samuel Shem: Mount Mistery.

Sonntag, 21. April 2019

Geheimniskrämerei auf die Schnelle

Wenn Journalisten ein Buch schreiben, dann ist das so wie... Eine Folge von vielen Quickies, die aber am Ende keine wirkliche Befriedigung bringt. Journalisten sind es gewohnt, schnell zur Sache zu kommen, schnell auf den Punkt, ihnen schwebt das Diktat vor Augen (auch wenn sie es nicht wollen): von vorne kürzbar, den Leser rasch fesseln, die begrenzte Aufmerksamkeit halten. So überladen sie gerne mit Lustigkeiten ("Schmäh" als Wort geht nicht, weil Deutsche), die ja teils wirklich nicht schlecht sind. Aber kaum hat man einen Gedanken zu denken begonnen, beginnt schon das nächste "Kapitel". Auch wenn man 2002 als Maßstab hernimmt (das Buch habe ich aus dem Papiermüll gefischt, ich geb´s zu), finde ich, dass bei vielen Männerthemen zu klischeehaft vorgegangen wurde. Sicher ist die Ambivalenz seither enorm in die Breite gegangen, aber den Bertie von Manta Manta gab es auch damals nicht mehr wirklich. Von den 55 "Geheimnissen" sehe ich mich nur in einigen wenigen repräsentiert, okay, ich bin auch nicht repräsentabel.  Wäre interessant, wenn die Herren ein Buch zum aktuellen Stand schrieben, vielleicht etwas subtiler und auf die Seitenanzahl nur, sagen wir mal, 25 "Geheimnisse". Obwohl, laut Untertitel sind wir ja durch, denn das waren die LETZTEN 55 Geheimnisse.

Harald Braun, Christian Sobiella: Die Verräter. Zwei Männer enthüllen die letzten 55 Geheimnisse ihrer Art.

Samstag, 2. März 2019

Das gewisse Etwas

Jetzt denkt mal eben nach. Wer von Euch kennt eine Holly Golightly? (Oder wer kennt keine) Wie ist so jemand? Selbstbewusst und jung, etwas unstet und sprunghaft, dabei so charmant und schön anzusehen, in der Lage, Männer um den Finger zu wickeln, vor allem in der Zielgruppe mit Geld und vierzig plus. Das sind die Mädchen, von denen man nie meinen sollte, dass sie das "Rote Elend" bekommen, wie es bei Capote heißt. Generell heißt es ja, Selbstbewusstsein sei für den Anwert von Männern überaus wichtig. Aber die Mädels, nach denen alle verrückt, und zwar völlig verrückt sind, die müssen mehr haben, als nur ein hübsches Gesicht. Und Selbstbewusstsein drückt sich ja in jeder Bewegung aus, in jeder Geste, in jedem Wort, in jedem Blick sogar. Aber das Selbstbewusstsein muss natürlich sein, angeboren quasi, und so selbstverständlich wirken, dass man an Widerstand garnicht denken würde. Es gibt nämlich auch die "False-self-confidentness". Selbsternannte Power Frauen, die mit jeder Menge Symbolen (Kleidung, veganenes bio bio Essen, Bildungsstatus) eine leicht agressive Haltung einnehmen: komm mir ja nicht zu nahe. Möglich, dass das garnicht notwendig ist. Und dann steht jemand beim Supermarkt bei der Kassa, äußerlich vielleicht garnicht in der Nähe des Top Models, Waren am Förderband, wo man zunächst sagt, na servus, ein winziges Nasenpiercing dazu - dabei aber eine Haltung, eine Art der Bewegung, eine Selbstverständlichkeit, wo dann die hochgebildete Nachhaltigkeitsperfektionistin unsichtbar wird daneben (und keine Abwehrbereitschaft mehr für Laserblicke haben muss). Das sind die Holly Golightlys von heute, mit Leichtigkeit, elegant.

Truman Capote: Frückstück bei Tiffany. SZ-Bibliothek Bd.51

Montag, 25. Februar 2019

Der mörderische Kreisverkehr

Die Fortsetzung mit Blum, das Totenhaus (von Aichner), beginnt halsbrecherisch, verliert dann zwischendurch etwas an Fahrt. Die Hotelstory dreht sich im Kreis, aber wenn dieser Kreisverkehr verlassen, dann wartet noch ein Schluss mit einer Wendung nach der anderen. Natürlich bleibt der Schluss offen, sodass der Leser bei Totenrausch weiter machen soll. Obwohl ich kein Serienjunkie bin, wäre schon interessant, wie sich das zu einem Happy End ausarbeiten soll, jetzt, wo die Bullen ihre Grabarbeiten aufgenommen haben.

Bernhard Aichner: Totenhaus.