Sonntag, 11. Oktober 2009

"Ich muß krank sein, wahnsinnig!"

"Ich muß krank sein, wahnsinnig!" Hier überlief ihn ein Schauer, denn dieses Wort empfand sich angenehm pathetisch. "Wahnsinnig, - oder was ist es sonst, daß mich Dinge befremden, die den anderen alltäglich erscheinen?"
So also ein Zitat, mit der ich meine Laieneindrücke zu einem Buch eröffnen will, das sich mir so garnicht einfach erschlossen hat, keine leichte Lektüre, möchte ich für mich konstantieren: Robert Musils 'Die Verwirrungen des Zöglings Törleß'. Einerseits ist da die Internatsgeschichte um Törleß, Beineberg, Reiting und Basini, andererseits aber das fein abgestufte Psychogramm der Törleß'schen Verwirrungen.

Selbst war man ja auch in jungen Jahren in einem Internat und kennt so manche Spielregeln daraus, wenngleich es so arg dann auch nicht zuging bei uns. Aber die unterschiedlichen Rollen, wenngleich natürlich nicht so stereotyp wie hier, gab es wohl auch. Im Buch haben wir den Groben, Brutalen, den Redlsführer (Reiting), dann den Intriganten, der Leute stets gegeneinander ausspielt (Beineberg) mit seinem Glauben, das Geistige, Übersinnliche für seine Zwecke einsetzen zu können. Basini, den Prügelknaben. Dann etwa den "Fürsten H." und natürlich den Sonderfall Törleß.

Eigentlich würde es das Buch ja verdienen, ganz langsam gelesen zu werden, rezitiert quasi, sodaß man den Verwirrungen habhaft werden, sie entwirren oder zumindest im Ansatz verstehen könnte. Aber das schaffte ich nicht. Also greife ich ein paar Momente heraus, die mich angesprochen haben. Da natürlich das eingangs erwähnte Zitat zuerst. Dieses phänomenologische Sich-wundern über Dinge, Verhaltensweisen, Tatsachen, Realitäten, die andere nicht nur akzeptieren, sondern auch nie im Ansatz hinterfragt haben, scheint mir für mich gar reizvoll. Ich brüskiere mich unbescheiden und schicke also meinen Gutmensch vor.

Mögen tue ich auch diese Assoziationsketten, im Gras am Rücken liegend, die Wolken betrachten, Blätter im Wind rascheln hörend, gerade so, als hätte Törleß einen weiteren Sinn, mit dem er sprunghaft Verbindungen herstellt, aber auch die Seele fühlt, dann aber das Versagen der Worte feststellt, diese Gedanken greifbar zu machen, sie festzuhalten "...daß die Worte nur zufällige Ausflüchte für das Empfundene [seien]". Und da fällt mir der unlängst gehörte Ausspruch ein "Mein Kopf ist so voll, daß ich es nicht schaffe, diese Fülle an Gedanken geordnet rauszulassen und zu Papier zu bringen." Daß sich dann der Kreis schließt über die imaginären Zahlen als mathematisches Sinnbild für eine Denkhilfe, eine Brücke, die Anfang und Ende hat, selbst aber nicht erklärbar ist und trotzdem trägt, als Analogon der dunklen Flecken, des Nichts zwischen zwei Gedanken: das ist jetzt meine Interpretation. (Anders sage ich bekanntlich immer gern: ich müsse ja nicht alles verstehen, nicht alles erklären können - ein Geschenk des Alters, würde ich meinen)

Viel mehr gäbe die Musil'sche Selbstfindung des jungen Menschen her, ich möchte noch zwei Aspekte herausgreifen.
"Aber es ging nicht. Wie immer, wenn er sich etwas allzu sorgfältig vorher ausdachte. Es war zu wenig unvermittelt und die Stimmung erlahmte rasch zu einer zähen, breiigen Langeweile, die sich ekelig an jeden der viel zu absichtlich immer wieder erneuten Versuche klebte"
Wie schön er doch das trifft, was ich mir so oft denke: einer malte sich ein Ereignis, z.B. einen Abend mit dieser oder jener Person aus, tagträumt sich eine Stimmung herbei, vielleicht einen Ablauf, entwickelt Vorstellungen. Doch dann! Es geht nicht auf, es bleibt genau wie oben beschrieben. (Und glücklich sind wir, erleben wir die Umkehrung, wo wir mit keinen Erwartungen aufs Angenehmste überrascht wurden)

Eine Erniedrigung: vergeht "Aber etwas von ihr blieb für immer zurück: jene kleine Menge Giftes, die nötig ist, um der Seele die allzu sichere und beruhigende Gesundheit zu nehmen und ihr dafür eine feinere, zugeschärfte, verstehende zu geben"
Vielleicht meint es das, wenn mit zunehmender Erfahrung einer meint, er sei bereits in dieser oder jener Hinsicht "abgebrüht". Bedarf es Niederungen, um zu verstehen? Ich meine: ja. Und das nicht nur gemessen an der Anzahl an Niederungen, durch die ichselbst mußte - und das keinesfalls mit Blick auf "weswegen Jünglinge mit großer Zukunft meist eine an Demütigungen reiche Vergangenheit besitzen". Nicht wegen der fehlenden Demütigungen, aber die Zukunft.

Schließen möchte ich meine Gedanken mit einer, wie ich meine, tröstlichen Botschaft, wonach Denken nicht ausreiche, um "hinüberzukommen" zu Gewißheit - vielleicht zur Hälfte, der Rest muß aus dem Inneren kommen, aus der Seele. Ist ein schönes Gefühl: was wir nicht verstehen, überantworten wir vertrauensvoll der Seele.


Post script: Ein Satz, der mir formale Schönheit bedeutet hier zum Nachlesen (Ihr wißt um mein Faible für nachgereihte Satzteile): "Staubflocken leuchteten auf und ein kleines häßliches Spinnengewebe."

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