Wie entwickelt sich eine Person weiter durch andere Personen? Welche Gesetze gelten für den Astrologen, den Epileptiker und die anderen? Könnte man von Sozialisation reden? Oder findet Marie (M) mit Hilfe der Männer durch die Jahre zu sich selbst? Finden wir Menschen eher dann anziehend, wenn sie Prinzipien vertreten, möglichst energisch, oder "für alles offen" sind? Oder bastelt man sich aus den "Gesetzen" anderer unbewusst seine eigenen, beides, positiv wie negativ (so mache ich es bestimmt nicht!) Ich habe ja früher gesagt, wem alles gefällt, dem gefällt nichts. Abgeleitet: wem alles recht ist, dem ist in Wirklichkeit nichts recht. M hat in den sechs Jahren auf kuriose Weise, am Ende eher schon auf bedenkliche, ihren Weg und ihre eigenen Gesetze "gefunden" (konstruiert oder nur entdeckt?) Jedenfalls sind Leute mit Prinzipien, seien sie noch so verrückt, immer noch besser als Weichlinge, die für alles zu haben sind, Unspezifische also.
Connie Palmen: Die Gesetze
(Eine Stadt ein Buch 2019)
Sonntag, 22. Dezember 2019
Donnerstag, 26. September 2019
Ein Szenario für das bittere Ende
Ich glaube, was bei Water (Paolo Bacigalupi) so erschreckend ist, ist die Tatsache, dass Amerika als Föderation seinen Zusammenhalt verliert, dass die Grenzen zwischen Bundesstaaten das werden, was jetzt die Grenze zu Mexiko ist. Mit dem Colorado als Grenzfluss so wie jetzt vielleicht der Rio Grande. Und "Kalis", die nach Phoenix fahren, um einen drauf zu machen. Und natürlich geht es um Geld und um Bürokratie und um Rassismus bzw. Diskriminierung (Texaner, Zoner). Wir haben bekanntlich eine Klimakrise (wird nur noch von vereinzelten Unverbesserlichen geleugnet), und auch ohne Fachwissen scheint es plausibel, dass der Südwesten der USA mit seiner Wasserversorgung keine einfache Aufgabe zu bewältigen hat. Interessant ist die im Buch dargestellte Vermischung aus Gewalt (Milizen) und Juristenkram (Altverträge). Aber ganz unmöglich ist das nicht. Sieht man nach Afrika und dann Europa, dann haben wir auch Gewalt und Flucht, auf der anderen Seite Bürokratie und Verträge gleichzeitig nebeneinander. Hier würde sich Jean Ziegler erneut aufregen. Denn bevor die benachteiligten Staaten weltweit einigermaßen aufholen können, werden sie vom Klimawandel und den Kampf und Ressourcen aus der Bahn geworfen. Daher werden die Auswirkungen des Klimawandels (im Ausmaß, je nach dem, was wir jetzt noch an Maßnahmen schaffen) mit unterschiedlichem Tempo daherkommen. Die einen erwischt es zuerst, das sind die ohne Geld und in kritischen Regionen. Die mit Geld in kritischen Regionen werden länger durchhalten. Die mit Geld in unkritischen Regionen am längsten. Aber die Fluchtbewegungen und die resultierende Wirtschaftskrise (öha, da brechen uns die Konsumenten weg, wer kauft jetzt all den zukünftigen Müll) wird früher oder später alle einholen. Eine Insel der Seligen ist dann nicht auszumachen, und wenn, quillt sie bald über.
In ein paar Tagen sind in Österreich wichtige Wahlen. Jede und jeder unter vierzig kann jetzt seine eigene Zukunft mitbestimmen, und zwar mehr denn je. Wieviel Klimawandel darf es sein, Gnä Herr, Gnä Frau?
Paolo Bacigalupi: Water
In ein paar Tagen sind in Österreich wichtige Wahlen. Jede und jeder unter vierzig kann jetzt seine eigene Zukunft mitbestimmen, und zwar mehr denn je. Wieviel Klimawandel darf es sein, Gnä Herr, Gnä Frau?
Paolo Bacigalupi: Water
Mittwoch, 18. September 2019
Der Kommissär hat´s schwer
Also einige Autor_Innen und Drehbuchschreiber_Innen gehen ja hart mit ihren Kommissaren um. Harry Hole muss bei Nesbo aber schon besonders viel leiden. Das Buch ist jetzt auch schon wieder fast 15 Jahre alt, und irgendwie merkt man das. Diese Art von Stories wurden deutlich weitergetrieben, übertrieben, heute muss es schon allerärgst und allerlokalkolirisiert hergehen, dass noch ein abgebrühter Krimileser hinter dem Ofen hervorkommt. Nesbo hat natürlich Lokalkolirit in Norwegen, obwohl mir beispielsweise die Beschreibung einer anderen skandinavischen Hauptstadt in Fräulein Smillas Gespür für Schnee weit besser gefallen hat.
Jo Nesbo: Das fünfte Zeichen.
Jo Nesbo: Das fünfte Zeichen.
Die Krezn kommt durch
Wortgewaltig kommt er jedenfalls daher, der Grass. Und auch lyrische Einflechtungen bereichern das Buch. Natürlich ist auch der Hintergrund, ausgehend von der Zwischenkriegszeit und noch dazu Danzig, geschichtsträchtig und Grass' Heimat, ein zentrales Element der Blechtrommel. Aber die Trommel selbst, die Geschichten, die sie berichtet, eine absurder als die andere, der kleine Mann im Wortsinn, der sich doch auch irgendwie durchmogelt, einen Haufen interessanter Charaktäre im Schlepptau (die aber selten so gut sind im durchmogeln und eher auf der Strecke bleiben). Grass besucht viele eigene Schauplätze, wechselt aber die Perspektive (auf 94cm, später etwas mehr). Vermutlich sind bei Erscheinen des Siebenhundertseiters die Wogen einigermaßen hochgegangen.
Günter Grass: Die Blechtrommel
Günter Grass: Die Blechtrommel
Montag, 2. September 2019
Kreist um die Zone, weiß aber nicht, was es will
Da brauche ich garnicht erst nachzusehen. Wer so ein "Sachbuch" schreibt, ist Journalist, ist Journalistin. Offenbar können diese Leute ihren "flotten Schreibstil" nicht ablegen, den es bedarf, im täglichen Kampf um Aufmerksamkeit für sich zu entscheiden, bei einem Buch, wo die Leserin sagt, ja, das lese ich jetzt und höchsten abbricht, wenn es ganz schlecht ist. Man muss bei den vielen geflügelten Worten aufpassen, dass einem das Buch nicht davonfliegt. Die Komposition der Themen, so mancher unnatürliche Übergang, erzeugen ein Fragezeichen: ist das jetzt Lifestyle, Humor oder doch ernste Medizin? Bitte nicht alles zusammen, das kommt nicht. Daneben finde ich übrigens Seite 91 den Begriff "Nullbock-Pisa-Versager-Generation". Mir ist schon klar, dass die Zielgruppe trotz des grellen Covers durchaus die "erwachten Zornröschen" sind, aber sowas geht trotzdem nicht. Nur weil die Pisa-Tests erst Anfang der 2000er Jahre aufgekommen sind, heißt das noch nicht, dass alle, die davor im Schulsystem waren, so viel besser abgeschnitten hätten. Bitte kein Pauschalurteil über die Jugend.
Maria Fangerau: Intimzone.
Maria Fangerau: Intimzone.
Montag, 12. August 2019
Nix mit Insel der Seligen
Vermittelt uns "Der Herr der Fliegen", dass unsere "Normalität" mit Regeln und Gesetzen für das Zusammenleben nur gilt, solange alles in einem gewohnten, netten Rahmen abläuft. Anders gefragt: rasten alle aus, wenn der Billa morgen nicht mehr aufsperrt? Gilt dann schnell wieder das Recht des Stärkeren, des Skrupelloseren? Nach Golding nicht gleich. Zu Beginn versucht man noch, kooperativ für alle etwas besseres zu erreichen. Aber wenn es nicht läuft, kommt die Unzufriedenheit, kommt die Zersplittung, kommt der Krieg. Gut erkannt hat Golding auch, dass nicht der Klügste, der Vorausdenken kann (Piggy) zum Anführer gewählt wird, sondern der Starke, Gutaussehende, dem die Problemösung zugetraut wird (ganz egal, ob er dann viel Nachdenken muss). Und die Unzufriedenen warten nur auf ihre Chance. Ich hoffe, wir ersparen uns so ein Szenario, hervorgerufen durch Folgen des Klimawandels beispielsweise. Dann kann die "Insel der Seligen" schnell zu Goldings Insel werden - und wer kommt dann am Schluss, rettet die Meute und sagt: ich hätte doch gedacht, dass eine Bande englischer Jungs in der Lage wäre, etwas besseres aufzuziehen.
William Golding: Herr der Fliegen
William Golding: Herr der Fliegen
Luxus war schon immer anziehend (und ausziehend)
Das mag jetzt, insbesondere im Anschluss an Jean Ziegler vom vorigen Beitrag, etwas unkorrekt klingen. Aber die Welt der Reichen und Schönen, wie sie in De Moor´s "Der Virtuose" dargestellt wird, ist schon anziehend - vor allem so, wie sie gekonnt beschrieben wird. Die offenbar größte Sorge und vordringlichste Aufgabe ist der persönliche Vergnügen, die Unterhaltung, sind Fragen des Stils, sind Klatsch und Tratsch und Befindlichkeiten, ist Luxus. Dass dieser Luxus nur auf Kosten enorm vieler anderer florieren kann, ist auch klar. Sich seinem Gefühlsleben, der Musik so vollends hingeben wie Carlotta, als gäbe es nichts anderes - es macht einfach Spaß, hier als Leser dabei zu sein, so eine Saison lang in Neapel...
Margriet de Moor: Der Virtuose
(Sz-Bibl. Bd.53)
Margriet de Moor: Der Virtuose
(Sz-Bibl. Bd.53)
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