Sonntag, 7. August 2016

Mein Name sei jeden Tag neu, anders

Varianten. Rollen. Perspektiven. Ist Ihr bisheriges Leben eine klare Geschichte, faktenbasiert, oder nur eine Variante von vielen Erzählmöglichkeiten? Tagträumen Sie? Spinnen Sie auch Varianten von unterschiedlichen Verläufen verschiedener Situationen oder Erlebnisse, mit einem Realitätsgehalt der von "quasi real" bis "utopisch mit einigen Merkmalen aus der Realität". Gantenbein, damit es nicht langweilig wird, stellt sich blind, erfolgreich, sogar zu erfolgreich vielleicht. Ich stelle mir vor: Sie stellen sich vor. Ist das sinnlose Tagträumerei, oder hilft es, Dinge zu erkennen, die bisweilen verborgen waren? „‘Ich werde niemand sagen‘, sagt sie, `daß sie nicht blind sind, verlassen Sie sich darauf, und auch Sie sagen niemand, was sie gesehen haben.` Das ist ein Vertrag.“ (S. 257)

Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein. Sz-Bibl.Bd.32

Samstag, 11. Juni 2016

Im Brackwasser bis zum Hals

Es sind derlei keine einfachen Abschnitte im Leben eines Mannes. Der zweite, wenn die Manneskraft wieder nachläßt und ausgeht, erzeugt bekannte Allüren. Aber der erste ist noch schwieriger. Alles dreht sich, er ist kein Kind mehr, aber auch noch kein Mann. Wirres vermischen der beiden erzeugte eine große Unsicherheit, die in allen denkbaren Exzessen ausgelebt wird (Allüren sind dagegen nur nette Ausfallschrittchen). Dabei gelangt er unter die Räder, weil gerade in jungen Jahren Männer den Frauen stets unterlegen sind. Junge Männer sind so einfach zu durchschauen und zu steuern, Spielzeug in den Händen gleichaltriger Mädchen. Die Mädchen können wählen und bei Bedarf ihren Radius im Alter ausdehnen. Oder wenn Mädchen stundenlang mit Freundinnen abhängen und reden. Was müssen sich die Burschen da einfallen lassen an Blödsinn. Genau dieses Brackwasser aus Kind sein und Erwachsen sein durchlebt Jack in "Der Zementgarten". Mit der Mutter in Beton im Keller wird der ausgefeilten Darstellung noch ein roter Faden mitgegeben. Eine kräftige Lektüre zu Beginn, am Ende - und dazwischen. Nur nicht untergehen!

Ian McEwan: Der Zementgarten. Sz-Bibl.Bd. 31

Freitag, 3. Juni 2016

Laotisch chaotisch mit Prise Schmäh

Krimis gibt es wie Sand am Meer. Unsere Bibliothek ist halb voll damit, und es quillt und quillt und quillt. Es gibt anscheinend mehrere Zugänge für einen Krimi. Beliebt sind Serien mit vertrauten Gesichtern und neuen. Dann welche mit Lokalkolorit auf österreichisch zum Beispiel. Dann die politischen, die brutalen, die modernen. Die Idee von Cotterill, seinen Helden ins kommunistische Laos von 1976 zu versetzen ist schon mal gut. Daß er dann noch mit über siebzig eine neue Stelle als Pathologe annimmt - fein. Auch die Story ist gut gemacht - bis es dann ab in den Dschungel geht und die übersinnlichen Sachen ins Spiel kommen. Und dann gibt es auch noch (zu) viele "Wohlfühlmomente". Auch der Parallellauf von zwei Verbrechen ist etwas gewöhnungsbedürftig. Aber zumindest kann man nicht sagen, das Buch wäre schmähentleert. Aber ich bin kein Serienfan, also werde ich die bunten Buchrücken mit dem gebückten Siri im Regal lassen.


Collin Cotterill: Dr.Siri und seine Toten.

Donnerstag, 2. Juni 2016

In diesem Treibhaus gedeiht zumindest der Text



Wenn der Anspruch, den ein Buch an einen Leser stellt, auch noch Freude bereitet, dann muß es schon gut gelungen sein; denn seien wir ehrlich: wieviel Spaß macht ein Buch, wo man sich vor lauter Anspruch durchquält, nur um sich zu beweisen, daß man (auch) Anspruchsliteratur verträgt. (Natürlich gibt es inzwischen der zwei Polen endlose Weiten) Nebst ausgefeiltem Wortgebrauch ist auch das Thema des „Treibhauses“ von Koeppen klassisch angelegt und doch nicht allerweltlich. Die Beziehung der Innenwelt eines Menschen, der von Keethenheuve, zur Außenwelt, zu einem Deutschland, das langsam und unter gewaltigem Ächzen nach dem Krieg wieder aufsteht. Wo sich die vorher Etablierten wieder etablieren. Die Gutgläubigkeit und der positive Impuls, den Keethenheuve von Außerhalb mitgebracht hat, verflüchtigt sich da rasch.


Wolfgang Koeppen: Das Treibhaus. SZ-Bibl. Bd.27

Mittwoch, 4. Mai 2016

Sorgenfrei mit 55

Na gut, das ist jetzt vielleicht nicht die hohe Anspruchsliteratur. Aber wie sooft bin ich darüber gestolpert, angelesen und kleben geblieben. Man sollte ja nicht glauben, daß man ein Buch zu Ende liest, in dem einmal, ganz a la Rosamunde Pichler (!) alle Probleme des täglichen Lebens gelöst sind (alle sind einmal grundsätzlich reich oder sehr reich, keiner muß überlegen, wie er oder sie die Miete nächstes Monat bestreiten wird). Gut, andererseits im Sinne eines Eskapismus geht das ja noch. Aber das die Erzählfigur dann auch noch derart unbescheiden auftritt (und sie ist gewiß ein Spiegelbild der Autorin - Alter, Wohnort Paris raushängen lassen, Homöopathie) und wirklich keine Schwächen hat, das ist dann doch zu viel. Andererseits tritt das Buch auch noch als Ratgeber auf, betrachtet man die Rückseite, und die Zielklientel wird da sehr klar.

Mittwoch, 24. Februar 2016

Laurids lieber langsam lesen

Welche Herangehensweise haben Sie an Bücher? Lesen Sie zuerst den Klappentext, das "what´s it all about". Oder wollen Sie unvorgefaßt den Weg selbst beschreiten, ohne Einsager, worauf Sie achten sollen. Und dann gehen Sie los. Worauf schauen Sie zuerst? Sie wollen wissen, worum es hier eigentlich geht. Ich zumindest will das immer. Je nach Buch eröffnet sich das sehr rasch, nach einigen Seiten ist man im Weingarten des Textes angekommen, und man kann sich neben dem Weg und dem Ziel auch auf die Trauben stürzen. Was aber, wenn Sie vor lauter Trauben keinen Weg sehen, wenn Sie umher irren, ziellos und überall sind Trauben und noch mehr Trauben. Sie süßesten, die man sich vorstellen kann. Was tun Sie? Naschen Sie drauf los und lassen Sie sich gehen? Klettern Sie auf einen Hügel um doch endlich die Übersicht zu erhaschen? Ich gehöre leider zu den Lesern, die recht lange wissen wollen, worum es hier geht. Da sind schon sehr viele Trauben vorüber, bis ich anfange, sie zu pflücken. Oft denke ich nach so einer Lektüre, man sollte den Anfang noch mal lesen, um sich auch da an den vielen reichen Stellen zu delektieren.

Aktuell griff ich zu Rilkes Roman "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", und mit dem Namen "Rilke" als Lyriker im Hinterkopf war ich gespannt und auch vorgewarnt. Ohne Klappentext las ich den Text, der zwar exzellent geschrieben ist, sodaß man die irrwitzigsten Ideen doch gut lesbar vorfindet und keine Ausrede hat, das Buch lese sich nicht gut (was bei manchen Übersetzungen durchaus wirklich mühselig ist). Trotzdem gerät man ob der Formulierungen, des Wortgebrauches und der Kraft der Aussagen außer Atem, die obigen Weintrauben quellen einem aus dem Mund, wieder und wieder. Und daneben weiß man nicht, ist das jetzt eine Kritik an der hektischen Zeit am Beginn des 20. Jahrhunderts, oder ein Aufrollen seiner Kindheit, schrullig und rückwärts gewandt. Mir gelang die Lösung letztlich nur mit Geduld, und um mich zu bremsen, begann ich, Teile mir selbst vorzulesen und diese Wunderwerke auch zu hören. Und hier zeigt sich wieder einmal, daß der Weg das Ziel ist. Und wenn ich an die diversen Schnelllesebücher denke, die ich auch schon verspeiste, dann ist das definitv ein Langsamlesebuch.

Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. SZ-Bibl. Band 26

Montag, 15. Februar 2016

Zu schnell: der quasiintellektuelle Killer mit Rechenschwäche

Herr Nesbo hat ein paar sehr nette Ideen in sein Buch verpackt. Aber leider fehlte ihm entweder die Muße und Zeit, sie ausgiebig auszuführen, oder sein Verleger hat ihm geraten, ein Schnelllesebuch zu schreiben, weil die sich schnell und gut verkaufen, derzeit.

Daß der Killer nicht ausschließlich ein roher Mensch ist, sondern immer wieder Geistesblitze hat (wie es in einem Buch heißt. In welchem, weiß er nicht mehr), daß er eine Rechenschwäche hat (Leichen zählen ist dem Gewerbe ohnehin abträglich), oder der Fischgestank beim Fischer: all das hätte man auf locker der doppelten Seitenzahl ausbreiten können. Und vor allem die taubstumme Marie versus der abgebrühten Corina. Aber das Buch hat trotzdem viel Vergnügen gemacht (ein kurzes eben), und gekrönt von einem unerwarteten Schluß werde ich bei Appetit auf Schnelllesen wieder mal zu Nesbo greifen.

Jo Nesbo: Blood on snow. Der Auftrag.