Sonntag, 21. April 2019

Geheimniskrämerei auf die Schnelle

Wenn Journalisten ein Buch schreiben, dann ist das so wie... Eine Folge von vielen Quickies, die aber am Ende keine wirkliche Befriedigung bringt. Journalisten sind es gewohnt, schnell zur Sache zu kommen, schnell auf den Punkt, ihnen schwebt das Diktat vor Augen (auch wenn sie es nicht wollen): von vorne kürzbar, den Leser rasch fesseln, die begrenzte Aufmerksamkeit halten. So überladen sie gerne mit Lustigkeiten ("Schmäh" als Wort geht nicht, weil Deutsche), die ja teils wirklich nicht schlecht sind. Aber kaum hat man einen Gedanken zu denken begonnen, beginnt schon das nächste "Kapitel". Auch wenn man 2002 als Maßstab hernimmt (das Buch habe ich aus dem Papiermüll gefischt, ich geb´s zu), finde ich, dass bei vielen Männerthemen zu klischeehaft vorgegangen wurde. Sicher ist die Ambivalenz seither enorm in die Breite gegangen, aber den Bertie von Manta Manta gab es auch damals nicht mehr wirklich. Von den 55 "Geheimnissen" sehe ich mich nur in einigen wenigen repräsentiert, okay, ich bin auch nicht repräsentabel.  Wäre interessant, wenn die Herren ein Buch zum aktuellen Stand schrieben, vielleicht etwas subtiler und auf die Seitenanzahl nur, sagen wir mal, 25 "Geheimnisse". Obwohl, laut Untertitel sind wir ja durch, denn das waren die LETZTEN 55 Geheimnisse.

Harald Braun, Christian Sobiella: Die Verräter. Zwei Männer enthüllen die letzten 55 Geheimnisse ihrer Art.

Samstag, 2. März 2019

Das gewisse Etwas

Jetzt denkt mal eben nach. Wer von Euch kennt eine Holly Golightly? (Oder wer kennt keine) Wie ist so jemand? Selbstbewusst und jung, etwas unstet und sprunghaft, dabei so charmant und schön anzusehen, in der Lage, Männer um den Finger zu wickeln, vor allem in der Zielgruppe mit Geld und vierzig plus. Das sind die Mädchen, von denen man nie meinen sollte, dass sie das "Rote Elend" bekommen, wie es bei Capote heißt. Generell heißt es ja, Selbstbewusstsein sei für den Anwert von Männern überaus wichtig. Aber die Mädels, nach denen alle verrückt, und zwar völlig verrückt sind, die müssen mehr haben, als nur ein hübsches Gesicht. Und Selbstbewusstsein drückt sich ja in jeder Bewegung aus, in jeder Geste, in jedem Wort, in jedem Blick sogar. Aber das Selbstbewusstsein muss natürlich sein, angeboren quasi, und so selbstverständlich wirken, dass man an Widerstand garnicht denken würde. Es gibt nämlich auch die "False-self-confidentness". Selbsternannte Power Frauen, die mit jeder Menge Symbolen (Kleidung, veganenes bio bio Essen, Bildungsstatus) eine leicht agressive Haltung einnehmen: komm mir ja nicht zu nahe. Möglich, dass das garnicht notwendig ist. Und dann steht jemand beim Supermarkt bei der Kassa, äußerlich vielleicht garnicht in der Nähe des Top Models, Waren am Förderband, wo man zunächst sagt, na servus, ein winziges Nasenpiercing dazu - dabei aber eine Haltung, eine Art der Bewegung, eine Selbstverständlichkeit, wo dann die hochgebildete Nachhaltigkeitsperfektionistin unsichtbar wird daneben (und keine Abwehrbereitschaft mehr für Laserblicke haben muss). Das sind die Holly Golightlys von heute, mit Leichtigkeit, elegant.

Truman Capote: Frückstück bei Tiffany. SZ-Bibliothek Bd.51

Montag, 25. Februar 2019

Der mörderische Kreisverkehr

Die Fortsetzung mit Blum, das Totenhaus (von Aichner), beginnt halsbrecherisch, verliert dann zwischendurch etwas an Fahrt. Die Hotelstory dreht sich im Kreis, aber wenn dieser Kreisverkehr verlassen, dann wartet noch ein Schluss mit einer Wendung nach der anderen. Natürlich bleibt der Schluss offen, sodass der Leser bei Totenrausch weiter machen soll. Obwohl ich kein Serienjunkie bin, wäre schon interessant, wie sich das zu einem Happy End ausarbeiten soll, jetzt, wo die Bullen ihre Grabarbeiten aufgenommen haben.

Bernhard Aichner: Totenhaus.

Samstag, 9. Februar 2019

Wer fängt den Fänger?

Das ist schon. Weil warum verlangt man genau dann so viel von jungen Menschen, wenn in ihrem Hirn ein Nebel vorherrscht, der jede Sicht auf jedwelche Dinge trübt und - obgleich jeden Moment rational entscheidend - eben diese Rationalität äußerst wandlungsfähig, ja flexibel ist. Das können dann manche besser. Und Holden Caulfield schlechter. Er merkt sogar, dass es in ihm nicht so toll läuft. Und so setzt er an das Ende der Pencey ein paar Tage Selbstfindung in NY. Bringt ihn das weiter? Von außen gesehen nicht. Die Reaktion seiner Eltern, der Lehrer kann man sich ausrechnen. Aber das ist ja ein grundsätzlicher Fehler der Erfolgsgesellschaft, dass Scheitern nicht als Fortschritt angesehen wird, wobei man ja aus Fehlern oft intensiver lernt, wie wenn alles immer gleich klappt. Vielleicht sollte man von der Vorstellung eines immer konstanten Geistes von einem hoch variablen ausgehen, der manchmal in kürzester Zeit Unfassbares bewältigt, dann wieder in gefühlt ewig nichts. Aber das Schulsystem mit dem fixen Takt in Unterrichtseinheiten, Tagen, Wochen, Semestern mit Noten, Zeugnissen und auf Mittelköpfen ausgerichteten Unterricht, das ist da nicht zu gebrauchen. Ehrlich gemeinte Alteernativen? Nicht in Sicht. Und so wird Holden wieder eine Schule besuchen, bis eben die "blöde Zeit" vorbei ist oder er wirklich abhaut oder es den Eltern zu bunt wird.

J.D. Salinger: Der Fänger im Roggen.

Montag, 7. Januar 2019

Smilla, du coole Gretl

Passend zur Jahreszeit, wenn der Titel schon in sich Schnee trägt, habe ich Peter Hoeg aufgelegt. Es beginnt kurz vor Weihnachten, nicht angenehm, alles nicht angenehm. Und es wird noch kälter, kälter und undurchsichtiger. Und je um eine Gangart härter: auf der Kronos und am Ziel. Smilla ist wirklich eine Spezielle, hat auch schöne Hobbies: Eis, Schnee, Gletscher und ein bißchen Mathematik. Da treffen wir en passent Cantor, Euklid, Fermat, Newton, Dedekind und Russel. Da sind wir Dänen und Grönländer, aber nie beides. Da erinnert der Plot fast ein bißchen an Dan Brown, obwohl: wer war da zuerst! Und eines muss man der Smilla lassen, leidensfähig ist sie, einstecken hat sie gut gelernt. Und das will ja auch gelernt sein. Coole Gretl.

Peter Hoeg: Fräulein Smillas Gespür für Schnee. (Sz-Bibliothek Bd.47)

So, und jetzt glaubst Du das oder nicht. Ich bin durch mit den 50 Bänden der Süddeutschen-Zeitung "Beste Romane des 20.Jahrhunderts". Aber nicht dass Du glaubst, ich hätte nicht damals 51-100 auch nach Hause geschafft. You bet.

Freitag, 21. Dezember 2018

Hans hat´s hart

Das ist schon spannend, wie Hesse in "Unterm Rad" ein Phänomen voraussieht, das heute verbreitet ist wie der Teufel. Es geht ihm ja darum, das manchmal oberflächlich ruhige, manchmal aufwütende, aber jedenfalls heikle Brackwasser zwischen Kindheit und erwachsen sein aufs Tableau zu bringen. Damals war es der Ausnahmeschüler Giebenrath, der unter die Räder des Gelehrigkeitsbetriebes und des fremden Ehrgeizes kam, dem man seine Kindheit nahm, aber keinen Ersatz anbot. Heute trifft das auf sehr viel mehr und auch weniger Begabte zu. Gerade in dieser schwierigen Zeit verlangt man einerseits, zentrale Entscheidungen über die Laufbahn und künftige Chancen zu treffen, andererseits unglaubliche Leistungen, um dem Vorhaben gerecht zu werden, um nicht aus der Schule zu segeln. Das ist lebenszeitlich völlig deplaciert. Würde man noch zwei Jahre draufgeben und die Entscheidung mit 16 treffen lassen, da würden nicht so viele unters Rad kommen.

Hermann Hesse: Unterm Rad. (Sz-Bibliothek Bd.46)

Donnerstag, 20. Dezember 2018

Nicht locker, adult, vol. 2


Thomas Brezina hat mit Schatten der Zukunft den nächsten Teil seiner erwachsenen Knickerbocker vorgelegt. Die kurzatmige Schreibweise mit sehr raschen Sprüngen zwischen parallelen Verläufen passt irgendwie dazu hier. Aus dem schier endlosen Repatoire von Erwachsenenproblemen (Alkohol, Ehebruch, Karriere...) wurden wieder ein paar herausgefischt für die vier. Trotzdem ist es eine "harmlose" Angelegenheit und somit als lockere Lektüre für etwas größere Knickerbocker auch geeignet.