Es sind derlei keine einfachen Abschnitte im Leben eines Mannes. Der zweite, wenn die Manneskraft wieder nachläßt und ausgeht, erzeugt bekannte Allüren. Aber der erste ist noch schwieriger. Alles dreht sich, er ist kein Kind mehr, aber auch noch kein Mann. Wirres vermischen der beiden erzeugte eine große Unsicherheit, die in allen denkbaren Exzessen ausgelebt wird (Allüren sind dagegen nur nette Ausfallschrittchen). Dabei gelangt er unter die Räder, weil gerade in jungen Jahren Männer den Frauen stets unterlegen sind. Junge Männer sind so einfach zu durchschauen und zu steuern, Spielzeug in den Händen gleichaltriger Mädchen. Die Mädchen können wählen und bei Bedarf ihren Radius im Alter ausdehnen. Oder wenn Mädchen stundenlang mit Freundinnen abhängen und reden. Was müssen sich die Burschen da einfallen lassen an Blödsinn. Genau dieses Brackwasser aus Kind sein und Erwachsen sein durchlebt Jack in "Der Zementgarten". Mit der Mutter in Beton im Keller wird der ausgefeilten Darstellung noch ein roter Faden mitgegeben. Eine kräftige Lektüre zu Beginn, am Ende - und dazwischen. Nur nicht untergehen!
Ian McEwan: Der Zementgarten. Sz-Bibl.Bd. 31
Samstag, 11. Juni 2016
Freitag, 3. Juni 2016
Laotisch chaotisch mit Prise Schmäh
Krimis gibt es wie Sand am Meer. Unsere Bibliothek ist halb voll damit, und es quillt und quillt und quillt. Es gibt anscheinend mehrere Zugänge für einen Krimi. Beliebt sind Serien mit vertrauten Gesichtern und neuen. Dann welche mit Lokalkolorit auf österreichisch zum Beispiel. Dann die politischen, die brutalen, die modernen. Die Idee von Cotterill, seinen Helden ins kommunistische Laos von 1976 zu versetzen ist schon mal gut. Daß er dann noch mit über siebzig eine neue Stelle als Pathologe annimmt - fein. Auch die Story ist gut gemacht - bis es dann ab in den Dschungel geht und die übersinnlichen Sachen ins Spiel kommen. Und dann gibt es auch noch (zu) viele "Wohlfühlmomente". Auch der Parallellauf von zwei Verbrechen ist etwas gewöhnungsbedürftig. Aber zumindest kann man nicht sagen, das Buch wäre schmähentleert. Aber ich bin kein Serienfan, also werde ich die bunten Buchrücken mit dem gebückten Siri im Regal lassen.
Collin Cotterill: Dr.Siri und seine Toten.
Collin Cotterill: Dr.Siri und seine Toten.
Donnerstag, 2. Juni 2016
In diesem Treibhaus gedeiht zumindest der Text
Wenn der Anspruch, den ein Buch an einen Leser stellt, auch
noch Freude bereitet, dann muß es schon gut gelungen sein; denn seien wir
ehrlich: wieviel Spaß macht ein Buch, wo man sich vor lauter Anspruch durchquält,
nur um sich zu beweisen, daß man (auch) Anspruchsliteratur verträgt. (Natürlich
gibt es inzwischen der zwei Polen endlose Weiten) Nebst ausgefeiltem
Wortgebrauch ist auch das Thema des „Treibhauses“ von Koeppen klassisch
angelegt und doch nicht allerweltlich. Die Beziehung der Innenwelt eines
Menschen, der von Keethenheuve, zur Außenwelt, zu einem Deutschland, das
langsam und unter gewaltigem Ächzen nach dem Krieg wieder aufsteht. Wo sich die
vorher Etablierten wieder etablieren. Die Gutgläubigkeit und der positive
Impuls, den Keethenheuve von Außerhalb mitgebracht hat, verflüchtigt sich da
rasch.
Wolfgang Koeppen: Das Treibhaus. SZ-Bibl. Bd.27
Mittwoch, 4. Mai 2016
Sorgenfrei mit 55
Na gut, das ist jetzt vielleicht nicht die hohe Anspruchsliteratur. Aber wie sooft bin ich darüber gestolpert, angelesen und kleben geblieben. Man sollte ja nicht glauben, daß man ein Buch zu Ende liest, in dem einmal, ganz a la Rosamunde Pichler (!) alle Probleme des täglichen Lebens gelöst sind (alle sind einmal grundsätzlich reich oder sehr reich, keiner muß überlegen, wie er oder sie die Miete nächstes Monat bestreiten wird). Gut, andererseits im Sinne eines Eskapismus geht das ja noch. Aber das die Erzählfigur dann auch noch derart unbescheiden auftritt (und sie ist gewiß ein Spiegelbild der Autorin - Alter, Wohnort Paris raushängen lassen, Homöopathie) und wirklich keine Schwächen hat, das ist dann doch zu viel. Andererseits tritt das Buch auch noch als Ratgeber auf, betrachtet man die Rückseite, und die Zielklientel wird da sehr klar.
Mittwoch, 24. Februar 2016
Laurids lieber langsam lesen
Welche Herangehensweise haben Sie an Bücher? Lesen Sie zuerst den Klappentext, das "what´s it all about". Oder wollen Sie unvorgefaßt den Weg selbst beschreiten, ohne Einsager, worauf Sie achten sollen. Und dann gehen Sie los. Worauf schauen Sie zuerst? Sie wollen wissen, worum es hier eigentlich geht. Ich zumindest will das immer. Je nach Buch eröffnet sich das sehr rasch, nach einigen Seiten ist man im Weingarten des Textes angekommen, und man kann sich neben dem Weg und dem Ziel auch auf die Trauben stürzen. Was aber, wenn Sie vor lauter Trauben keinen Weg sehen, wenn Sie umher irren, ziellos und überall sind Trauben und noch mehr Trauben. Sie süßesten, die man sich vorstellen kann. Was tun Sie? Naschen Sie drauf los und lassen Sie sich gehen? Klettern Sie auf einen Hügel um doch endlich die Übersicht zu erhaschen? Ich gehöre leider zu den Lesern, die recht lange wissen wollen, worum es hier geht. Da sind schon sehr viele Trauben vorüber, bis ich anfange, sie zu pflücken. Oft denke ich nach so einer Lektüre, man sollte den Anfang noch mal lesen, um sich auch da an den vielen reichen Stellen zu delektieren.
Aktuell griff ich zu Rilkes Roman "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", und mit dem Namen "Rilke" als Lyriker im Hinterkopf war ich gespannt und auch vorgewarnt. Ohne Klappentext las ich den Text, der zwar exzellent geschrieben ist, sodaß man die irrwitzigsten Ideen doch gut lesbar vorfindet und keine Ausrede hat, das Buch lese sich nicht gut (was bei manchen Übersetzungen durchaus wirklich mühselig ist). Trotzdem gerät man ob der Formulierungen, des Wortgebrauches und der Kraft der Aussagen außer Atem, die obigen Weintrauben quellen einem aus dem Mund, wieder und wieder. Und daneben weiß man nicht, ist das jetzt eine Kritik an der hektischen Zeit am Beginn des 20. Jahrhunderts, oder ein Aufrollen seiner Kindheit, schrullig und rückwärts gewandt. Mir gelang die Lösung letztlich nur mit Geduld, und um mich zu bremsen, begann ich, Teile mir selbst vorzulesen und diese Wunderwerke auch zu hören. Und hier zeigt sich wieder einmal, daß der Weg das Ziel ist. Und wenn ich an die diversen Schnelllesebücher denke, die ich auch schon verspeiste, dann ist das definitv ein Langsamlesebuch.
Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. SZ-Bibl. Band 26
Aktuell griff ich zu Rilkes Roman "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", und mit dem Namen "Rilke" als Lyriker im Hinterkopf war ich gespannt und auch vorgewarnt. Ohne Klappentext las ich den Text, der zwar exzellent geschrieben ist, sodaß man die irrwitzigsten Ideen doch gut lesbar vorfindet und keine Ausrede hat, das Buch lese sich nicht gut (was bei manchen Übersetzungen durchaus wirklich mühselig ist). Trotzdem gerät man ob der Formulierungen, des Wortgebrauches und der Kraft der Aussagen außer Atem, die obigen Weintrauben quellen einem aus dem Mund, wieder und wieder. Und daneben weiß man nicht, ist das jetzt eine Kritik an der hektischen Zeit am Beginn des 20. Jahrhunderts, oder ein Aufrollen seiner Kindheit, schrullig und rückwärts gewandt. Mir gelang die Lösung letztlich nur mit Geduld, und um mich zu bremsen, begann ich, Teile mir selbst vorzulesen und diese Wunderwerke auch zu hören. Und hier zeigt sich wieder einmal, daß der Weg das Ziel ist. Und wenn ich an die diversen Schnelllesebücher denke, die ich auch schon verspeiste, dann ist das definitv ein Langsamlesebuch.
Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. SZ-Bibl. Band 26
Montag, 15. Februar 2016
Zu schnell: der quasiintellektuelle Killer mit Rechenschwäche
Herr Nesbo hat ein paar sehr nette Ideen in sein Buch verpackt. Aber leider fehlte ihm entweder die Muße und Zeit, sie ausgiebig auszuführen, oder sein Verleger hat ihm geraten, ein Schnelllesebuch zu schreiben, weil die sich schnell und gut verkaufen, derzeit.
Daß der Killer nicht ausschließlich ein roher Mensch ist, sondern immer wieder Geistesblitze hat (wie es in einem Buch heißt. In welchem, weiß er nicht mehr), daß er eine Rechenschwäche hat (Leichen zählen ist dem Gewerbe ohnehin abträglich), oder der Fischgestank beim Fischer: all das hätte man auf locker der doppelten Seitenzahl ausbreiten können. Und vor allem die taubstumme Marie versus der abgebrühten Corina. Aber das Buch hat trotzdem viel Vergnügen gemacht (ein kurzes eben), und gekrönt von einem unerwarteten Schluß werde ich bei Appetit auf Schnelllesen wieder mal zu Nesbo greifen.
Jo Nesbo: Blood on snow. Der Auftrag.
Daß der Killer nicht ausschließlich ein roher Mensch ist, sondern immer wieder Geistesblitze hat (wie es in einem Buch heißt. In welchem, weiß er nicht mehr), daß er eine Rechenschwäche hat (Leichen zählen ist dem Gewerbe ohnehin abträglich), oder der Fischgestank beim Fischer: all das hätte man auf locker der doppelten Seitenzahl ausbreiten können. Und vor allem die taubstumme Marie versus der abgebrühten Corina. Aber das Buch hat trotzdem viel Vergnügen gemacht (ein kurzes eben), und gekrönt von einem unerwarteten Schluß werde ich bei Appetit auf Schnelllesen wieder mal zu Nesbo greifen.
Jo Nesbo: Blood on snow. Der Auftrag.
Montag, 8. Februar 2016
Den Horizont erweitert man nicht mit Bekanntem
Er ist, so verrät der Buchumschlag, immerhin Literaturnobelpreisträger, und ja, die Art, wie er schreibt - gehen wir einmal von einer glaubhaften Übersetzung aus - ist jedenfalls eigen, originell. Auch die Stimmung jener Zeit, der 1930er Jahre in den USA, fängt Faulkner gut ein. Sofern, in beiden Fällen, ich das beurteilen kann. Sich solche Figuren ausdenken, einen Popeye, einen Horace Benbow. Allerdings besteht die Gefahr, daß man auf der Jagd nach der Handlung das Drumherum etwas übereilt überliest. Veilleicht kann ich deshalb nicht sagen, es wäre ein Roman, den ich gleich nochmals lesen sollte. Anders ist er jedenfalls, und scharf, nein: schärfst kontrastierend zu jenen Schnelllesebüchern, die heute in der Krimilandschaft üblich sind. Bleibt: den Horizont erweitert man nicht mit Bekanntem.
William Faulkner: Die Freistatt. SZ-Bibliothek Band 25.
William Faulkner: Die Freistatt. SZ-Bibliothek Band 25.
Abonnieren
Posts (Atom)