Montag, 18. April 2022

Brenner: nie alt

 Endlich hat Wolf Haas wieder einen Brenner-Roman vorgelegt. Und da muss man gleich sagen, klassisch gut, quasi Brenner wie man ihn kennt und liebt. Hier musste keine Modernisierung her, einfach das gute, alte Kochrezept wiederverwendet. Dass man nach den Genres wie Rettung, Kirche, Spendensammler oder Wirtshaus jetzt auf Müll umgesattelt hat, ist ja gut und billig. Also ändern wir mal eben den Tobias-Spruch um: er (Haas) ist Legende.

Wolf Haas: Müll

Montag, 7. Februar 2022

Garnicht so viel Tarnen und Täuschen

 Es ist einfach ein schönes Buch. Natürlich, die Grundidee, bei ähnlichem Aussehen die Rollen zu vertauschen bzw. eigentlich nur eine Rolle neu zu besetzen (denn Alvey hat ja praktisch keine Rolle) ist immer wieder reizvoll. Man kriegt auch gleich Lust auf die Region, auf Nordengland, den Hadrianswall. 

Joan Aiken: Du bist ich. SZ-Bibl.Bd.67

Samstag, 8. Januar 2022

Schönwettergendarm in der Krise

 Der Polt ist auch so ein Trankler. Das wäre ja auch richtig, wenn er nicht hie und da auch Gendarm spielen müsste. Aber ist das Saufen wirklich so harmlos und gehört es wirklich so dazu? Der schwärmerische Tonfall, der schon auf den ersten Seiten gegenüber dem Tröpferl angeschlagen wird, lässt es vermuten. Erträgt man das Leben leichter mit Alkohol? Es schaut wohl so aus. Alfred Komarek hat (auch schon eine zeitlang her) hier eine Person geschaffen, die es sicher da und dort wirklich gegeben hat - vielleicht auch noch gibt? Wenn dann aber jemand ins eigene Nest kackt, kommt der Gute in die Krise. Wie bewältigt man die Krise? Richtig, mit einem Glaserl.

Alfred Komarek: Polt muss weinen.

Donnerstag, 30. Dezember 2021

Killer ist die Struktur

 "Erschlagen von den vielen Plot-Twists liegt der Leser besinnungslos oder gar schon entseelt da". Sonst mögen wir ja abgeschlossene Gebilde (Vektorräume, algebraische Strukturen), aus denen man nicht rauskommt und wo einem die Elemente wohl geläufig sind. Das ist mit der Insel Runa (Rona) fix gegeben. Das ist sogar ein recht kleiner Vektorraum,1,1km2. Aber das Ende, da rotiert der Plot, ständig ändert sich nochmal alles oder fast alles.

Simon Beckett: Kalte Asche

Dienstag, 28. Dezember 2021

Karten

Er zeichnet gerne Karten. Von seiner Heimatregion, davon wie sie vielleicht mit dem sprachlichen Mutterland vereinbart wird, auch, damit er die Übersicht hält. Aber hält er, Askar, die Übersicht über die Menschen und Beziehungen zu ihnen? Hat er dafür eine Karte gezeichnet? Wie die Landkarte durch den Krieg verändert wird (und dann wieder zurückverändert), so macht auch die Karte in Askars Herzen Änderungen durch. Misra ist immer wichtig auf seiner Karte, aber wo und wie nah sie ist, und was zwischen ihn und sie passt, ist veränderlich. Dabei ist das ganz natürlich: wir alle machen solche Änderungen durch und positionieren die Menschen immer aufs Neue, fügen welche hinzu, rücken von welchen ab. Ganz abgesehen davon, haben auch diese Menschen wieder Karten von ihrem Herzen, aber ganz andere. Und während der eine die andere ganz nah sieht, ist er für sie gefühlt am anderen Ende der Welt. So, als ob man das Treibholz auf einem Fluß kartografieren wollte.

Nurruddin Farah: Maps.
Sz-Bibliothek Bd.66

Samstag, 18. September 2021

Klassenlektüre für die Zukunft

 Nach der Lektüre der drei Vanitas Bände von Ursula Poznanski ist mir dann noch "Cryptos" von derselben Autorin in die Hände gefallen. Der längere Teil, das Herumwandern durch die Welten, wo eigentlich wenig Neues passiert, erinnert ein bißchen an die Phasen von Carolin Bauer, Springer, König, wo sie endlos die Nachbarwohnung beschattet, am Zentralfriedhof auf und ab marschiert oder mit dem Handy von Boris durch die Gegend zieht und Dialoge führt. (Wobei: gegen die Gammelfahrt des Boots ist das immer noch kurzlebig). Normal mag ich solche Buchstellen, wo mal nichts weitergeht, aber hier bei Cryptos war das ein wenig wie im Katalog blättern, mal bei Hosen, dann bei Spielzeug, dann bei Möbeln - am Ende bleibt nichts in Erinnerung.

Was aber in Erinnerung bleibt, sind zwei Ideen, die wirklich spannend sind, und die gleich am Beginn und ganz am Ende vorgestellt werden. Das eine ist das Abtauchen in virtuelle Welten, weil diese viel besser sind, als die Realität. Gut, die Anzüge mit den Masken fehlen noch, aber die Kids von heute tauchen auch anständig ab und leben (auch) in dieser digitalen Parallelwelt. Fünf Stunden Handynutzung am Tag sind nichts besonderes, manche bringen es auf acht. Ist das vielleicht am Ende, aller Unkenrufe von erzürnten Bildungsbürgern zum Trotz, gar nicht so schlecht? In Poznanskis Zukunft ist die Realität realita nicht mehr erträglich, aber wie toll ist denn oftmals die Realität für Kids von heute?

Das andere ist der Klimawandel, die Erderwärmung und die "Minus 3 Lösung", die letztlich meint, drei der zehn Milliarden Menschen müssten weg. Per Zufallsgenerator! Wie passend! Und schmerzfrei! Weil die Ressourcen nicht ausreichen, sagen die "Alphas". Das würden auch die Westeuropäer und Nordamerikaner sagen (Alphas), und der Zufallsgenerator nimmt ja im Buch die Alphas aus, denn die brauchen wir ja, um die Welt zu lenken, zu regieren. Dabei müsste der Zufallsgenerator, wenn er nach CO2-Fussabdruck geht, sogar eher Treffer bei den Alphas landen.

Ich finde, dieses Buch ist hervorragend als Klassenlektüre für Schüler*innen geeignet, da diese beiden Themen sehr virulent und zugleich spannend sind. Außerdem betreffen beide, virutelle Welten und Klimawandel, die Kids von heute künftig sehr. Und heute über morgen nachdenken kann ja nicht schaden.


Freitag, 6. August 2021

Leicht und herzlich geht es weiter

 Wenn man ein Buch liest und sagt, dass ist einmal erfrischend anders, unaufgeregt aber, keinesfalls gekünstelt aufgemacht und stimmig bis zum Schluss: dann geht das leicht von statten. Zwei sehr junge Menschen, ein Paar, beide hübsch, finden sich in mitten einer verrückten Zeit. Keine aufdringlichen Plot-Twists oder dramatische Szenen verwässern die herzliche Erzählung. Man liest die Briefe, als wären sie immer an einen selbst gerichtet. Da können die Knacker (die alten) machen, was sie sollen, anschaffen, was geht, aber diese Leichtigkeit der Jugend kriegen sie um keinen Preis für sich.


Colette: Mitsou

Bd.65 SZ-Bibliothek