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Dienstag, 1. Juli 2025

Lauwarm schmeckt gut

 Ja, ich hätte das Buch nicht gelesen, wenn nicht drauf gestanden wäre, es sei die Fortsetzung von "The firm". Seltsam ist, dass das Buch eigentlich nüchtern besehen nicht viel hergibt. Die Anknüpfung an "Die Firma" ist gering - man hätte sich vielleicht irgendeine Verbindung der Entführung mit der Vergangenheit erwartet. Dann hat Mitch ja die volle Macht der Kanzlei Scully & Pershing hinter sich und muss nicht mehr "allein gegen die Mafia" kämpfen. Dann kommt hinzu, dass es eigentlich keine Überraschung gibt. Entführung - Lösegeld - Geisel kommt frei. So, und dennoch war das Buch lässig zu lesen, war spannend, ohne diese ganzen Cliffhanger und den Gewalt- und Angstszenen. Vermutlich ist genau das die große Kunst.

John Grisham: Die Entführung

Montag, 30. Dezember 2024

Nicht gerade nichts

Dass über uns alle Daten gesammelt werden, ist ja etwas, das man weiß, erahnen kann, fühlt - etwas von dem. Alleine wenn man an harmlose, scheinbar sinnvolle Apps (und tatsächlich ist es eine sinnvolle App) wie Duolingo denkt. Was erfahren die alles über mich? Wie lernfähig ich bin. Wie viel Durchhaltevermögen ich habe. Wie oft ich denselben Fehler mache. Zu welchen Zeiten ich das Tool nutze. Welcher Gamification-Aspekt zieht besonders (Flammen, XP, Liga, Platzierung, Anzahl Freundesmissionen in Folge,...), wie geht es meiner Stimme, wie schnell kann ich mit dem Handy tippen. Und und und. Man lebt damit, indem man den großen Tech-Firmen traut, dass sie das tun, was Google behauptet, nämlich nichts Böses. So, und dann bekommt man "Going Zero", das Buch, in die Hand, und man findet den einen Teil der Erzählung, dass die Tech-Firma ihre Daten mit denen der "Dienste" zusammenführt, nicht überraschend spekakulär. Die Idee mit dem Beta-Test ist amüsant.  Ein paar der vorgestellten Verfahren sind es auch: wie fahre ich zu einer Kreuzung hin? Wo bleibe ich im Supermarkt zu lange stehen? Welche Songs aus den 70ern streame ich? Die zweite Phase ist dann eine coole Idee und bringt Leben in die Handlung. Und dass "die" am Ende immer gewinnen, ist klar. Ob all die Überwachung, oder eher die Steuerung und Manipulation, die fix stattfindet, vor allem mit der handysüchtigen jüngeren Generation, ein Problem wird, hängt davon ab, was die Eliten mit uns vor haben. Schon gruselig auch.

Anthony McCarten: Going Zero.

Sonntag, 23. April 2023

Der Owen-Way

Besser ist, man fragt garnicht, was die Autorin, der Autor eines Buches damit sagen will. Besser ist, man nimmt es als eine schöne Erzählung in einer gut gewogenen Sprache (auch in der Übersetzung) hin. Man folgt dem guten Owen von seinen Anfängen als Kind, durch die prüden Fünfziger, bis es dann völlig überkocht. Das Ganze wirkt auch wie eine melancholische Rückschau, was besonders mit dem Vergleich ganz am Ende rauskommt. Das blaue Seidenpapier gegen das Licht gehalten, die Löcher, die glänzen wie Sterne: das sind die Frauen, die er gehabt hat (wörtlich: die sich von ihm f* ließen). Ein bißchen theatralisch, da muss sich Updike schon die Frage gefallen lassen, ob das wirklich alles ist, was vom Leben bleibt. (Vielleicht ist es so, das weiß man ja erst am Ende). Jedenfalls hat der Autor es wieder geschafft, einen sympathischen Protagonisten zu entwerfen, den man einfach nicht böse sein kann, trotz oder wegen seiner Verfehlungen.

 John Updike: Landleben

Donnerstag, 20. Mai 2021

Die Macht der virtuellen realen Welt

 Sagt man den Kids: lebt mehr in der Realität, weniger in der virutellen Welt - dann ist das eigentlich schon nicht mehr richtig. Den die Realität ist jenes Gemisch, jener ständige Wechsel zwischen Bildschirm und tatsächlicher Umgebung. Oftmals ist die Realität dann schon fast lächerlich. Im Fall des Präsidenten (von Marc Elsberg) sehen wir das dann. Ein Bürokrat von Richter zählt die Buchstaben des Gesestzestextes, derweil draußen, von Social Media befeuert, die Post abgeht. Einmal mehr betont Elsberg (nach Zero), wie stark die Manipulationsmöglichkeiten (etwa durch Fake news oder Deep fakes) sind, vor allem in Kombination mit der Kraft der Bilder. Und dann ist da natürlich noch das Tempo. Und das kommt dann viel schneller als ein Bumerang zurück in die Realität (wie unsere Dana rasch erkennen muss). Eigentlich erschreckend, welche Macht wir an die digitalen Kanäle abgegeben haben. Wem soll man da noch trauen, was glauben? Wer hat eigentlich die Macht? Was richten internationale, formale Einrichtungen (bei Elsberg der ICC, könnte aber auch die WHO sein) eigentlich noch aus, wenn sie sich an Regeln halten müssen, an Grenzen, während digital die Post abgeht?

Hier ist Elsberg wieder ein spannendes Buch mit aktuellen Themen gelungen. Bei seiner rasanten, unaufgeregten Erzählweise ist er geblieben: ich freue mich schon auf das nächste Buch von ihm. Vielleicht mal die Pandemie literarisch verwursten?

Mittwoch, 22. Juli 2020

Jeder Irving ist der vierte

Ich habe schon länger nichts von John Irving gelesen und jetzt zu "Die vierte Hand" gegriffen. Schon nach ein paar Seiten war ich wieder in eine der skurrilen Welten von Irving eingetaucht. Er verkauft sehr geschickt mit diesen, teils absurden Charaktären und ihren Geschichten, die auch noch "zufällig" zusammentreffen tiefgreifende Themen. Trennungsschmerz etwa, der auf vielfältige Art erlebt werden kann, körperlich, wenn einem jemand die Hand abbeißt. Aber auch seelisch, durch Verlust, Trennung, räumliche Distanz mit Unsicherheit. Wenn dann die Trennung überkommen wird, dann auf Irving'sche Art. Die dritte Hand, die vierte Hand. Am Ende zieht sich all das ein wenig hin und die Läuterung von Wallingford braucht Zeit und Seiten. Insgesamt ein heiteres, gut geschriebenes Lesevergnügen.

John Irving: Die vierte Hand.

Donnerstag, 26. September 2019

Ein Szenario für das bittere Ende

Ich glaube, was bei Water (Paolo Bacigalupi) so erschreckend ist, ist die Tatsache, dass Amerika als Föderation seinen Zusammenhalt verliert, dass die Grenzen zwischen Bundesstaaten das werden, was jetzt die Grenze zu Mexiko ist. Mit dem Colorado als Grenzfluss so wie jetzt vielleicht der Rio Grande. Und "Kalis", die nach Phoenix fahren, um einen drauf zu machen. Und natürlich geht es um Geld und um Bürokratie und um Rassismus bzw. Diskriminierung (Texaner, Zoner). Wir haben bekanntlich eine Klimakrise (wird nur noch von vereinzelten Unverbesserlichen geleugnet), und auch ohne Fachwissen scheint es plausibel, dass der Südwesten der USA mit seiner Wasserversorgung keine einfache Aufgabe zu bewältigen hat. Interessant ist die im Buch dargestellte Vermischung aus Gewalt (Milizen) und Juristenkram (Altverträge). Aber ganz unmöglich ist das nicht. Sieht man nach Afrika und dann Europa, dann haben wir auch Gewalt und Flucht, auf der anderen Seite Bürokratie und Verträge gleichzeitig nebeneinander. Hier würde sich Jean Ziegler erneut aufregen. Denn bevor die benachteiligten Staaten weltweit einigermaßen aufholen können, werden sie vom Klimawandel und den Kampf und Ressourcen aus der Bahn geworfen. Daher werden die Auswirkungen des Klimawandels (im Ausmaß, je nach dem, was wir jetzt noch an Maßnahmen schaffen)  mit unterschiedlichem Tempo daherkommen. Die einen erwischt es zuerst, das sind die ohne Geld und in kritischen Regionen. Die mit Geld in kritischen Regionen werden länger durchhalten. Die mit Geld in unkritischen Regionen am längsten. Aber die Fluchtbewegungen und die resultierende Wirtschaftskrise (öha, da brechen uns die Konsumenten weg, wer kauft jetzt all den zukünftigen Müll) wird früher oder später alle einholen. Eine Insel der Seligen ist dann nicht auszumachen, und wenn, quillt sie bald über.

In ein paar Tagen sind in Österreich wichtige Wahlen. Jede und jeder unter vierzig kann jetzt seine eigene Zukunft mitbestimmen, und zwar mehr denn je. Wieviel Klimawandel darf es sein, Gnä Herr, Gnä Frau?

Paolo Bacigalupi: Water

Mittwoch, 1. Mai 2019

Wer ist hier verrückt? Besser: wer nicht.

Das Schema ist auch hierzulande nicht unbekannt. Eine äußere Hülle, etwa ein Konzern, wird betrieben, damit sich intern alle nach Möglichkeit bereichern und tun, was sie wollen. Übertreibt man es, geht die Bude vor die Hunde, aber dann sind die Schäfchen im Trockenen, und Schuldige lassen sich nicht genau feststellen. Dass es in Krankenhäusern mitunter drunter und drüber geht, merkt man, ohne ein Interner zu sein. Die Kombination, die vermutlich eher in den USA läuft, nämlich Krankenhaus und Unternehmen mit Melkkuh Versicherungen, ist dann schon spannend. Noch spannender: eine Psychoklinik, Mount Misery. Der Ansatz ist verrückt, und die Leidenssationen von Roy G. Bash werfen die Frage auf, wer hier am verrücktesten ist (doch nicht die Patienten).

Trotz des guten Plots geht dem Buch irgendwie das Geniale von "House of God" ab, warum könnte ich garnicht sagen. Es gibt Skurriles, Heiteres, Komisches und Charaktäre, die sich jeder für sich einen Abschlussapplaus verdient haben. Vielleicht ist es ein bißchen gekünstelt, ein bißchen zu psychisch.

Samuel Shem: Mount Mistery.

Samstag, 2. März 2019

Das gewisse Etwas

Jetzt denkt mal eben nach. Wer von Euch kennt eine Holly Golightly? (Oder wer kennt keine) Wie ist so jemand? Selbstbewusst und jung, etwas unstet und sprunghaft, dabei so charmant und schön anzusehen, in der Lage, Männer um den Finger zu wickeln, vor allem in der Zielgruppe mit Geld und vierzig plus. Das sind die Mädchen, von denen man nie meinen sollte, dass sie das "Rote Elend" bekommen, wie es bei Capote heißt. Generell heißt es ja, Selbstbewusstsein sei für den Anwert von Männern überaus wichtig. Aber die Mädels, nach denen alle verrückt, und zwar völlig verrückt sind, die müssen mehr haben, als nur ein hübsches Gesicht. Und Selbstbewusstsein drückt sich ja in jeder Bewegung aus, in jeder Geste, in jedem Wort, in jedem Blick sogar. Aber das Selbstbewusstsein muss natürlich sein, angeboren quasi, und so selbstverständlich wirken, dass man an Widerstand garnicht denken würde. Es gibt nämlich auch die "False-self-confidentness". Selbsternannte Power Frauen, die mit jeder Menge Symbolen (Kleidung, veganenes bio bio Essen, Bildungsstatus) eine leicht agressive Haltung einnehmen: komm mir ja nicht zu nahe. Möglich, dass das garnicht notwendig ist. Und dann steht jemand beim Supermarkt bei der Kassa, äußerlich vielleicht garnicht in der Nähe des Top Models, Waren am Förderband, wo man zunächst sagt, na servus, ein winziges Nasenpiercing dazu - dabei aber eine Haltung, eine Art der Bewegung, eine Selbstverständlichkeit, wo dann die hochgebildete Nachhaltigkeitsperfektionistin unsichtbar wird daneben (und keine Abwehrbereitschaft mehr für Laserblicke haben muss). Das sind die Holly Golightlys von heute, mit Leichtigkeit, elegant.

Truman Capote: Frückstück bei Tiffany. SZ-Bibliothek Bd.51

Samstag, 9. Februar 2019

Wer fängt den Fänger?

Das ist schon. Weil warum verlangt man genau dann so viel von jungen Menschen, wenn in ihrem Hirn ein Nebel vorherrscht, der jede Sicht auf jedwelche Dinge trübt und - obgleich jeden Moment rational entscheidend - eben diese Rationalität äußerst wandlungsfähig, ja flexibel ist. Das können dann manche besser. Und Holden Caulfield schlechter. Er merkt sogar, dass es in ihm nicht so toll läuft. Und so setzt er an das Ende der Pencey ein paar Tage Selbstfindung in NY. Bringt ihn das weiter? Von außen gesehen nicht. Die Reaktion seiner Eltern, der Lehrer kann man sich ausrechnen. Aber das ist ja ein grundsätzlicher Fehler der Erfolgsgesellschaft, dass Scheitern nicht als Fortschritt angesehen wird, wobei man ja aus Fehlern oft intensiver lernt, wie wenn alles immer gleich klappt. Vielleicht sollte man von der Vorstellung eines immer konstanten Geistes von einem hoch variablen ausgehen, der manchmal in kürzester Zeit Unfassbares bewältigt, dann wieder in gefühlt ewig nichts. Aber das Schulsystem mit dem fixen Takt in Unterrichtseinheiten, Tagen, Wochen, Semestern mit Noten, Zeugnissen und auf Mittelköpfen ausgerichteten Unterricht, das ist da nicht zu gebrauchen. Ehrlich gemeinte Alteernativen? Nicht in Sicht. Und so wird Holden wieder eine Schule besuchen, bis eben die "blöde Zeit" vorbei ist oder er wirklich abhaut oder es den Eltern zu bunt wird.

J.D. Salinger: Der Fänger im Roggen.

Montag, 24. September 2018

Doch: der gute Piet

Jetzt könnte man bei disem Buch die gesellschaftliche Perspektive suchen
und herausragend finden. Es ist ja nicht ganz neu, die Erkenntnis, dass eine Generation es jeweils "neu" und auf ihre Weise machen will. Als Abgrenzung dient häuft die Elterngeneration, und wenn die noch weit weg ist, dann ist das überhaupt klar. Weit weg, da sind wir bei Amerika mit seiner Mobilität. Da hat die aktuelle Generation das Leben im Speckgürtel entdeckt, in einem Städtchen namens Tarbox direkt am Meer. Bildung und ein Wohlstand der Mittelschicht bringen die Zugezogenen zusammen, die Ehepaare, die gerade mal die ersten Punkte des Programms: Ausbildung - Partnersuche - Beruf - Haus - Kinder (teilweise) hinter sich haben. Und nun verbringen sie viel Zeit in ihrer Gruppe: Parties, Skiurlaub, Tennis, Standausflüge, Sport im Garten. Soweit so gut, und nun bringt John Updike Unruhe in diese Idylle mit dem Ehebruch. Auch nichts Neues, aber natürlich befeuert von den Möglichkeiten, die sich bieten, Pille etc., und vor allem im "Freundeskreis". Vor allem wird der Ehebruch zum Leitthema, eingebettet in die sechziger Jahre. Natürlich kommt dann schon die nächste Generation, die es wieder anders machen will: Woodstock und 1968 steht bevor.

Man könnte aber auch die Personen sehen. Auf über fünfhundert Seiten wird man mit den Charaktären so vertraut, dass es mir immer bei Büchern ein wenig schwer fällt, Abschied zu nehmen von all dem. Piet Hannemann: warum ist er so sympathisch? Bei all dem, was er anstellt? Er ist der einzige der Männer der Paare, die noch Bezug zu einer Handarbeit haben, zu körperlicher Arbeit. Mit der aprikosenfarbenen Lederjacke und einem Bleistift hinter dem Ohr, mit der Liebe zu Holz und dem Geruch von frischen Spänen kontrastiert er die Papiertiger, obwohl der kalte Ken (gab es damals schon Ken und Barby, weil der Name so geschickt gewählt wurde) größer und ansehlicher ist. Aber Piet strahlt etwas viriles aus, und an einer Stelle wird er als altmodisch, als der einzige, der kein bißchen homosexuell ist, beschrieben. Aber auch den anderen Charaktären fühlt man sich zugetan, dem schrägen Freddy Thorne, der sich die schöne Angela auf speziell verworrene Weise verdient. Alas, sie werden mir fehlen. Eigentlich wäre es garnicht nötig, im letzten Drittel so aufreibende Verläufe der Handlung (Schwangerschaft, Abtreibung, Eingeständnis, Scheidung, Trennung) heranzuziehen. Hier gäbe das Leben der Paare auch so genug her, genauso wie die Sprache und die inneren und äußeren Beschreibungen.

Dieses Buch ist nicht umsonst ein Klassiker.

John Updike: Ehepaare

Sonntag, 1. Juli 2018

Dieses Histörchen hat es nicht geschafft herüber

Heute gilt, je mehr desto. Je mehr man hat, desto (vermeintlich) glücklicher ist man. Wie sonst könnte erklärt werden, dass so viele Leute so viel überflüssigen Kram kaufen. Der unstete Lebenswandel ist völlig out geworden. Keiner hält mehr an und nimmt einen Anhalter mit. Wer keine Adresse hat, den gibt es quasi nicht. Wie sollen wir die Geschichte von Danny und seinen Freunden nach diesen Maßstäben verstehen können. Sicher, die Gallonen von Torellis Provenienz sind stets im Spiel. Ein Dach über den Kopf ist Luxus, und der Besitz macht sogar Unruhe, sodass sich Danny bei Zeiten verflüchtigt. Glücklicher ohne als mit Besitz. Wo findet man so etwas heute noch. Nirgends. Alle, die das vorgeben, sind als Heuchler abzutun. Geist über Materie? Freund, das ist das einundzwanzigste Jahrhundert!

John Steinbeck: Tortilla Flat.
Sz-Bibl. Bd.40

Sonntag, 18. Juni 2017

The Road to everywhere

Ichselbst war zu diesem Buch durch einen Song von Van Morrison gekommen, nämlich "Cleaning Windows", wo auf Jack Kerouac´s "On the road" referenziert wird. Jetzt, nimmt man den Text für sich her, also ohne die Betrachtung in seiner Zeit und seine Entstehung, so ist es eine ohne dramatisches Gerüst zusammengeschusterte Geschichte von Reisen und ein Leben im hier und heute. Jack und Neal teilweise wie Sandler, hauptsache unterwegs, Zusammentreffen und Abschiede, Personen auf der Straße, Neal die Gabe, alles und jedes interessant und toll zu finden: Ja! Ja! Erfahrungen und Eindrücke sammeln, Spaß haben.

Aber in seiner Zeit, nämlich Ende der 1940er, waren die Trips, die dahintersteckende Philosophie natürlich exorbitant bemerkenswert, einerseits als Bruch mit althergekommenen Mustern und Konventionen, andererseits als Blaupause für die 1960er Jahre. Hier wurde das Leben nahe am Sandler und Streuner angereichert mit Musik, Liebe, Spirit (wenn ihr es so nennen wollt) und dem Sog nach Frisco. Und schon haben wir die Hippiebewegung, eine Kulturrevolution in Amerika.

Die Entstehung mit der Papierrolle in weniger als einem Monat abgefaßt hat auch literarische Bedeutung erhalten, der Vergleich mit Jackson Pollock in der Malerei wird gezogen. Der Schreibvorgang als Teil des Kunstwerks, die Rolle ohne Absätze als die Straße.

Jack Kerouac: On the road.

Donnerstag, 30. März 2017

Kurz der Krieg, langsam der Friede

Nicht daß ich den Film je gesehen hätte. Vielleicht eine Bildungslücke. Aber der Roman von Marageret Mitchell fiel mir in die Hände. Und er ist mit unter 200 Seiten im Vergleich zum Film sehr dünn. In der Erwartung, eine Liebesgeschichte vorzufinden, die sich um Scarlett und Rhett dreht, staunte ich nicht schlecht, als Rhett nur phasenweise auftaucht. Daß sie ein Paar werden, wird in einem Halbsatz abgetan. Aber als Europäer, der in seiner Geschichtestunde ja von einem Krieg zum anderen stolpert, liest es sich schon interessant, daß wie bei so vielen Kriegen die Besiegten auch nicht alles richtig machen; und daß das Aufräumen und Kitten zerbrochenen Porzellans länger dauert, als der Krieg selbst. Im Irak ist immer noch nicht "aufgeräumt", die (Golf-)Kriege waren dagegen lächerlich kurz.

Margaret Mitchell: Gone with the Wind.

Sonntag, 6. November 2016

Der Pinocchio Effekt des amerikanischen Traumes

Bei der Lektüre von Kafkas Amerika drängte sich mir dasselbe Gefühl auf wie beim Schauen von Pinocchio seinerzeit. Aussichtslosigkeit, Ungerechtigkeit, was gut beginnt, endet noch böser - und ständig unter die Räder kommen, obwohl man guten Glaubens handelt, während andere, weit weniger redliche, Erfolg haben. Am abruptesten kommt die erste Wendung bei Kafka (der Onkel aus Amerika verstößt ihn), aber am intensivsten ist der Rauswurf aus dem Hotel Occidental. Man will garnicht mehr weiterlesen, weil es immer noch ärger kommt, als befürchtet. Kafka scheint darin eine Meisterschaft gefunden zu haben, denn das Adjektiv "kafkaesk" wird nicht selten verwendet, auch hundert Jahre später. Der Schluß ist dann schon mehr absurd und schräg, aber insgesamt ein wirklich herausragendes Werk, nicht umsonst in der SZ-Serie.

Franz Kafka: Amerika. SZ-Bibl. Bd.36

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Das emotionale Kartenhaus

Es ist dieses beklemmende Gefühl, das sie treffend, aber nicht wertend, hervorkehrt. Das Gefühl, daß einer keine Chance hat, und daß es nur schlechter werden kann, daß das wenige, das man geschaffen hat, auch ständig an der Kippe steht. Da ist der farbige Dr.Copeland, der verzweifelt und scheitert an den Erniedrigungen, die er und seine Brüder und Schwestern mitmachen müssen, gipfelnd darin, als sein Sohn im Gefängnis verstümmelt wird. Dann ist da Biff Brannon, Restaurantbesitzer, sein Frau kürzlich verstorben. Aber mit ihr lief es schon lange nur mehr mäßig. Und Jake Blout, cholerischer Außenseiter, ein Wissender, wie er meint, dem Alkohol verfallen. Und Micky Kelly, jung, voller Tatendrang. Ihre innere Welt beginnt zu bröckeln, als sie mit einem älteren Schulkollegen in sommerlicher Idylle das erste Mal erlebt: anstatt rumzuhüpfen vor Freude wie ein junger Gamsbock, sind sie von der eben betriebenen Unzucht so betroffen - Harry haut überhaupt gleich ab. Zerbröckeln tut ihre innere Welt, die Musik, die Pläne dann vollends, als sie einen Job annimmt, die Schule schmeißt. Diese Charaktäre haben aber eine Säule, die sie trägt: Mister Singer. Der Taubstumme versteht alles und noch mehr. Aber auch er ist kein movens moventur. Als seine Stütze, Antonapulus, stirbt, bricht auch Singers Welt zusammen. Und, liebe Leserin, wer ist ihre Stütze? Und worauf stützt er sich ab? Wo ist der Mister Singer, der nicht zusammenbrechen darf?

Carson McCullers: Das Herz ist ein einsamer Jäger. Sz-Bibl. Bd.35

Freitag, 9. September 2016

Der nette Kerl und sein wildes Buch

Man muß ja auch nicht ständig Actionfilme ansehen. Aber ab und an. Also warum nicht einen Thriller von Dan Brown zur Hand nehmen, wenn er schon rum liegt. Die Zutaten und Machart erinnert an viele andere Bücher, mir fällt da "Der Schwarm" ad hoc ein (von Frank Schätzing). Obwohl für mich eine klare Trennung her gehört zwischen "eben noch irgendwie real vorstellbar" und "science fiction". Bei Meteor sind wir noch knapp im ersteren Bereich, bei der Schwarm knapp drüber. Aber die vielen Detailrecherchen und der Rückgriff auf real mögliche oder vorhandene Elemente sind beiderseits da. Nice fand ich auch die Idee, daß es (zumindest anfangs) bei Meteor Böse vs. Böse hieß (Sexton und die Nasa), wohin gegen der Kopfstand der Story, daß aus dem OH58D am Ende als Oberbösewicht Pickering aussteigt, wäre für meinen Geschmack gar nicht nötig gewesen. Witzig der Buchdeckel, wo ein Bild von Brown abgebildet ist: so ein netter Kerl, man sieht ihm nicht an, daß er solche Bücher schreibt.

Dan Brown: Meteor.

Montag, 8. Februar 2016

Den Horizont erweitert man nicht mit Bekanntem

Er ist, so verrät der Buchumschlag, immerhin Literaturnobelpreisträger, und ja, die Art, wie er schreibt - gehen wir einmal von einer glaubhaften Übersetzung aus - ist jedenfalls eigen, originell. Auch die Stimmung jener Zeit, der 1930er Jahre in den USA, fängt Faulkner gut ein. Sofern, in beiden Fällen, ich das beurteilen kann. Sich solche Figuren ausdenken, einen Popeye, einen Horace Benbow. Allerdings besteht die Gefahr, daß man auf der Jagd nach der Handlung das Drumherum etwas übereilt überliest. Veilleicht kann ich deshalb nicht sagen, es wäre ein Roman, den ich gleich nochmals lesen sollte. Anders ist er jedenfalls, und scharf, nein: schärfst kontrastierend zu jenen Schnelllesebüchern, die heute in der Krimilandschaft üblich sind. Bleibt: den Horizont erweitert man nicht mit Bekanntem.

William Faulkner: Die Freistatt. SZ-Bibliothek Band 25.