Posts mit dem Label Sz-Bibliothek werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sz-Bibliothek werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 17. Juli 2026

Das kann doch einen Schriftsteller nicht umhauen

 Wie ist das so, wenn man mit einem Star verheiratet ist? Sein "Kleinod" bringt im Einkaufsnetz das Geld vom schriftstellerischen Erfolg heim. Immerhin. Aber dann die vielen Hochzeiten, die unsagbare Sauferei mit einer ausreichend großen Anzahl von Künstlern, Bauern und eh allen, die ein, zwei, zehn Bier runterbringen. Wenn der Russ einmarschiert, kann das das Kleinod nicht aus der Bahn werfen. Wenn, dann ist es der Krankenhausaufenthalt und die Diät. Die Diät bringt einem am Ende um, nicht die Zirrhose!

 Bohumil Hrabal: Ich dachte an die goldenen Zeiten. Sz.Bibl. Bd.76 

Freitag, 5. Juni 2026

Zur falschen Zeit am richtigen Ort

 Blanche und Marie haben beide einiges mitgemacht. Und sie haben einander. Ihr Problem ist nicht, dass sie Frauen sind, ihr Problem ist, dass sie Frauen zur falschen Zeit sind. So radikal das fine de ciecle war, so rückständig war man dennoch (also mehr noch als heute). Als rauskommt, dass Marie ein Panscherl mit einem Familienvater hat, kommt das ihrer gesellschaftlichen Beerdigung gleich. Da hilft nicht mal der Nobelpreis. Umgekehrt, hätte ein WissenschafER etwas mit einer verheirateten Frau, wäre das gar kein Problem, vielmehr part of the game. Blanche geht es auch nicht viel besser, bevor sie in Teile zerfällt, wird sie weiterhin als Anschauungsobjekt der Salpetriere angesehen.

Per Olav Enquist. Das Buch von Blanche und Marie. Sz-Bibl.Bd.75

Sonntag, 23. Februar 2025

Man müsste verrückt sein, wenn man hier normal ist

Ein verrücktes Buch über den Krieg ist eine passende Sache, weil Krieg ja auch verrückt ist. Die Liste der Verrücktheiten, welche die Charaktäre in Joseph Hellers Catch 22 haben, ist ellenlang und vermutlich umfassend in dem Sinn, was an Verrücktheiten existiert. Vielleicht ist das auch nur eine wahr Strategie des Einzelnen, um in den Pausen zwischen den Flügen durchzukommen. Neben Yossarian ist auch Milo Minderbinder eine schillernde Figur, eine Parodie vielleicht, aber der auch heute noch gültige Hinweis, dass es am Ende immer um die Kohle geht. Und ein Ausnahmezustand ist ja eine gute Voraussetzung, um Kohle zu machen. Man könnte leichthin sagen, ja, ein tolles, wichtiges Buch, wäre da nicht der X-Haken...

Joseph Heller: Catch 22, Sz-Bib.Bd.73

Donnerstag, 1. August 2024

Kinderblick mit sprachlicher Finesse

Die Stationen, welche Ellen hier durchmacht, sind etwa der Friedhof als Spielplatz (weil man mit dem Stern nicht in den Park darf), oder der Verdacht, Feindsender zu hören, der Zug an die Front, der Keller im Bombardement, die Schlacht um die Stadt. Die Perspektive des Kindes, die nicht da und nicht dort ist (Stern oder nicht Stern, das war dort die Frage) wird verbunden mit einer Sprache und Dialogen, die die Bilder verzerren und zugleich über sie hinausragen. Eine Figur, die gut als Denkvehikel taugt, hier in zwei Beispielen: "Bleibt, um zu gehen, und geht, um zu bleiben.- So wird das Bewegte ruhig und das Ruhige bewegt"

Ilse Aichinger: Die größere Hoffnung.

SZ-Bibl.Bd.72

Dienstag, 26. Dezember 2023

Auch im Schatten ist Leben

Wie ein sepiafarbener Schatten, nur dunkler, legt sich die ständige Bedrohung durch die anderen über die Gemeinschaft. Und dennoch bleiben all die gewöhnlichen Vorgänge, Gefühle, Skandale, Techtelmechtel und insbesondere der viele Tratsch nicht aus. Normalität im Dauerausnahmezustand. Dass es das gibt, hat uns Amos Oz in "Ein anderer Ort" erzählt. Eigentlich ist der Titel irreführend, denn niemand will an einen anderen Ort. Außer vielleicht Noga, denn das happy end wirkt sehr vorläufig.

Wenn einem das 1966 erschienene Buch 2023 in die Hände fällt, ist es auch traurig zu lesen, dass sich der Konflikt im Nahen Osten keinesfalls verbessert hat.

Amos Oz: Ein anderer Ort. SZ-Bibliothek Bd.71

Freitag, 3. November 2023

Ein Konzert. Und seinen Folgen?

 Eine interessante Perspektive. Die Toten sind garnicht tot. Sie sind noch immer da, und es ergibt sich die Gelegenheit, ein potentielles Talent, das durch den frühen Tod verloren gint, weiter existieren zu lassen. Zugleich finden sich auch andernfalls unmögliche Verstrickungen, wenn Mordopfer ihre Mörder treffen. Heikel, wenn das ganze dann im Deutschen Reich Deportierte und die Täter betrifft. Ob man dieses Ende als "versöhnlich" betrachten kann oder eher doch als "ergebnisoffen", bleibt zu überlegen.

Hartmut Lange: Das Konzert. 

SZ-Bib.Bd.70

Sonntag, 17. September 2023

Zeitlos

Der Hauptdarsteller und Erzähler eines Buches ist ein Bauwerk, aber ein Spezielles: eine Brücke. Weil sie lange da steht, wo sie steht, hat sie viel zu erzählen. So viel, dass man vielleicht ein Stück mehr vom Balkan versteht, als zuvor. Mit den Österreichern ist dann der Fortschritt gekommen. Aber war das wirklich ein Segen? Das Tempo wird immer schneller, der Platz im Leben "flexibel" und verrückbar. Heute würde die Brücke atemlos sein, da das Neue im Moment wo es kommt, nicht mehr neu ist. Auf der Kapija würden alle Handyschauen. Man hat sogar das Gefühl, das Wasser hat es eilig weiterzukommen, um Neues zu sehen, das dann doch nur Variation des Bekannten ist. Dabei sage ich immer: von 100 Tiktok Videos weiß man eine Woche später nichts mehr, von einem Film vielleicht schon noch etwas. Aber der Brücke ist auch das egal, sie wird auch diese Flausen überstehen.

Freitag, 19. Mai 2023

Die digitale Kopie des Bienenzüchters ist immer noch da

1978 war es vielleicht der einzige Weg, jemand nachzuerzählen, wenn man seine Notizbücher zusammensucht und auswertet. Der Bienenzüchter hat hier einiges hinterlassen und über allerhand nachgedacht. Wie wäre das 2023? Man müsste nur das Handy des Bienenzüchters auswerten, aber würde man hier wirklich tiefergehende Gedanken finden? Vermutlich eher nicht. Interessant wird es dann, wenn in der Zukunft die KI das Handy von jemanden auswertet und uns erklärt, wie er über dieses oder jenes gedacht hat. Wir könnten dann sogar mit ihm oder ihr chatten. Oder auch spannend: mit sich selbst chatten. Wie ich immer sage: KI macht die Zukunft gruselig und aufregend zugleich.

Montag, 7. Februar 2022

Garnicht so viel Tarnen und Täuschen

 Es ist einfach ein schönes Buch. Natürlich, die Grundidee, bei ähnlichem Aussehen die Rollen zu vertauschen bzw. eigentlich nur eine Rolle neu zu besetzen (denn Alvey hat ja praktisch keine Rolle) ist immer wieder reizvoll. Man kriegt auch gleich Lust auf die Region, auf Nordengland, den Hadrianswall. 

Joan Aiken: Du bist ich. SZ-Bibl.Bd.67

Dienstag, 28. Dezember 2021

Karten

Er zeichnet gerne Karten. Von seiner Heimatregion, davon wie sie vielleicht mit dem sprachlichen Mutterland vereinbart wird, auch, damit er die Übersicht hält. Aber hält er, Askar, die Übersicht über die Menschen und Beziehungen zu ihnen? Hat er dafür eine Karte gezeichnet? Wie die Landkarte durch den Krieg verändert wird (und dann wieder zurückverändert), so macht auch die Karte in Askars Herzen Änderungen durch. Misra ist immer wichtig auf seiner Karte, aber wo und wie nah sie ist, und was zwischen ihn und sie passt, ist veränderlich. Dabei ist das ganz natürlich: wir alle machen solche Änderungen durch und positionieren die Menschen immer aufs Neue, fügen welche hinzu, rücken von welchen ab. Ganz abgesehen davon, haben auch diese Menschen wieder Karten von ihrem Herzen, aber ganz andere. Und während der eine die andere ganz nah sieht, ist er für sie gefühlt am anderen Ende der Welt. So, als ob man das Treibholz auf einem Fluß kartografieren wollte.

Nurruddin Farah: Maps.
Sz-Bibliothek Bd.66

Freitag, 6. August 2021

Leicht und herzlich geht es weiter

 Wenn man ein Buch liest und sagt, dass ist einmal erfrischend anders, unaufgeregt aber, keinesfalls gekünstelt aufgemacht und stimmig bis zum Schluss: dann geht das leicht von statten. Zwei sehr junge Menschen, ein Paar, beide hübsch, finden sich in mitten einer verrückten Zeit. Keine aufdringlichen Plot-Twists oder dramatische Szenen verwässern die herzliche Erzählung. Man liest die Briefe, als wären sie immer an einen selbst gerichtet. Da können die Knacker (die alten) machen, was sie sollen, anschaffen, was geht, aber diese Leichtigkeit der Jugend kriegen sie um keinen Preis für sich.


Colette: Mitsou

Bd.65 SZ-Bibliothek

Sonntag, 30. Mai 2021

Blinded by the light

 Bevor wir über die Verzerrungen der virtuellen Welt nachdenken, könnten wir auch mal überlegen, was wir überhaupt sehen. Was das Licht macht, wenn es aus einer sonst völlig unsichtbaren Welt etwas vor unserem Auge immer neu erschafft. Das Licht blendet uns bei Rückkehr nach Dukla (jeder hat so sein eigenes Dukla, da, wo er schon zeitlang nicht war, wo alles gleich ist und doch nicht). Dieses Blenden lässt uns keine zusammenhängende Geschichte finden, sondern nur Eindrücke, gespeicherte Bilder in uns, die stärker, wenn auch nicht so klar sind, wie die gegenwärtigen.

Andrzej Stasiuk: Die Welt hinter Dukla.

SZ-Bibl. Bd.63

Donnerstag, 31. Dezember 2020

Das innerste Zimmer der Leidenschaft

Das innerste Zimmer der Leidenschaft ist ein einsamer Ort. Niemand anderes weiß, was in diesem Zimmer abgeht. Das gilt auch und vor allem für Matthias Roth, und selbst als Gisela in einem geisterhaften Moment die "Leere, Stille, Einöde" am besagten Ort vertreibt, melden sich schon wenig später wieder Zweifel an. Das innerste Zimmer der Leidenschaft zu beleben ist etwas, das leider nur aus einer Person selbst heraus erfolgen kann. Feuer und Flamme für jemand oder etwas sein, ist ein großes Geschenk, meinetwegen ein großes Geschenk der Götter. Wielange die Leidenschaft dann lodert, ist noch mehr entscheidend. Bei Matthias Roth tut sie das nie lange. Selbst im Urlaub, im Dschungel, in völliger Auflösung seiner in der umfassenden Wahrnehmung erlischt das Feuer bald wieder. Ist die Leidenschaft also das, was besondere Menschen ausmacht? Und wie fühlt es sich an, wenn sie weg ist? B.B. King hat dieses Gefühl in "The thrill is gone" glaubhaft vertont. Das Schöne wie Schreckliche zugleich ist, dass wir über unsere Leidenschaft nicht herhaben. Schön, weil das Erwachen eine Belohnung sein kann. Schrecklich, wenn wir sie verlieren. Wofür sind Sie leidenschaftlich?

Brigitte Kronauer: Berittener Bogenschütze. Sz-Bibl.Bd.62

Freitag, 16. Oktober 2020

Die Dynamik am A. der Welt

Ein gottverlassenes ein Kaff, denn Christus kam nur bis Eboli, nicht bist Gagliano, mit eigenen Spielregeln, mit seinen Bewohnern, die, zu einem Gutteil Bauern, alles ertragen (manchmal flippen sie halt kurz aus) und wissen, dass der Staat ein Übel ist - so ein Kaff wird gerade jetzt in der Corona Krise wieder interessant. Weil die Städter sind drauf gekommen, dass einem in der Stadt, so alleine in der bescheidenen Wohnhöhle vor dem Bildschirm (oder wiederum in der überfüllten Wohnhöhle, alle vor dem Bildschirm) doch irgend etwas abgeht. Und da kommt die Idee mit dem Homeoffice am A. der Welt, wo es billig Immobilien gibt und ganz viel Landschaft. Irgendwann überschreitet der Städter denn die Jägerzaungrenzen seines neu erworbenen Domizils und trifft auf die Ureinwohner. Wenn der Neo-xyz'ler (xyz=Name des Kaffs) dann gesteht, ein Städter (Wiener, beispielsweise) zu sein, ist er schon in einer Schublade. Er sollte sich deshalb schleunigst mit der gewachsenen Dynamik des Kaffs vertraut machen. Das ist aber garnicht so einfach, denn alle lachen ihm entgegen, und halten mit den ortsüblichen Querelen hinter dem Berg. Aber der Städter kann, mit etwas Geduld, länger aushalten mit beobachten, als die Ortsansässigen mit der Fassade. Güstig wäre, wenn der Städter einen einheimischen Einsager hätte. Dazu der Tipp: Vereine! Vereine sind am Land der Kitt, der nicht nur die Fenster, sondern alles zusammenhält. Blicken wir zurück zu Carlo Levi, dann besteht die Dynamik seines Kaffs, Gagliano, in uraltem Hass, in ausgeprägtem Misstrauen gegen den Staat und in einem Kleinbürgertum, das "eine körperlich und moralisch verkommenen Klasse, die unfähig ist, ihre Aufgabe zu erfüllen, und nur von kleinem Raub und der entarteten Tradition eines Feudalrechtes lebt" (Levi, S.247) darstellt. Heute vermischen sich moderne Einflüsse (kommen digital vom Himmel und durchs Glasfaserkabel) mit den ungeschriebenen Gesetzen der Tradition und des Lebensgefühls Einheimischen auf teils skurrile Weise. Die Frage ist, ob langfristig, getriggert durch Zu- und Abwanderung und den digitalen Einfluss, dieses Lebensgefühl verloren geht und die Kaffs ihre eigene Dynamik verlieren, stattdessen nur mehr Dependance der global vereinheitlichten Großstadte sind. Dann muss man wirklich von den Bäumen abbeißen, denn Eigendynamik gibt es dann keine mehr. Aber vermutlich kommt, angefeuert durch die Coronakrise, ein neuer Regionalismus, einhergehend mit mehr ländlichem Selbstbewusstsein.

Carlo Levi: Christus kam nur bis Eboli. Sz-Bibliothek Bd.61

Montag, 14. September 2020

Ein Strudel aus Gedankenmaterial

 Nimm eine Location, sagen wir Südafrika. Nimm eine längere Zeitspanne, sagen wir Post-WW2 bis in die späteren 1990er Jahre. Nimm wesentliche Veränderung, sagen wir die Abschaffung der Apartheid. Und davor entwickle das Leben einer Person, eines Paares, zweier Paare, Familien, einer Gesellschaft. Das ist ein Kochrezept für Geschichten. Aber wirklich gut machen Details und nachdenkwürdige Fundorte ein Buch. Das kann dann wieder überall liegen, zum Beispiel in der Veränderung, die dann bedingt, dass Exilanten zurückkehren dürfen, dass Revolutionäre plötzlich keinen Job (als Revolutionär) mehr haben. Dass man aus diesen "Schwertern" wieder Pflugscharen macht. Daneben tritt dann an Stelle der Apartheid der Geldrassismus. Hast Du Geld, bist Du dabei. Hast Du keines, geht´s Dir weiterhin schlecht. Ich glaube sogar zu erkennen, dass im Heute des 21.Jahrhunderts sich der Geldrassismus vollständig durchgesetzt hat. Viel fairer ist das auch nicht, leider, und der Ort der Geburt und das Vermögen der Eltern sind so relevant wie früher die Hautfarbe. Andererseits kann man in Nadine Gorimers Buch (Niemand der mit mir geht) auch finden, was es für die bisher privilegierte Seite (sprich Weiße) heißt, wenn sie zu einem gewissen Grad abschichten müssen. Abschichten ist ja ein sehr gegenwärtiges Thema, finde ich. Wäre schon der Klimawandel und globale Gerechtigkeit genug Grund zum Abschichten, setzt Corona noch eins drauf. Später wird man es wissen, jetzt fragt man sich: wann wurde oder wird der Zenith eigentlich überschritten? Sind wir schon in der Abwärtsbewegung, der unfreiwilligen Abschichtung. Freiwillig zum Wohle des Planenten und dessen Inhabitanten wäre besser gewesen. Und jetzt der Bogen zu den Einzelpersonen: Jede und jeder hat auch noch ein ganz persönliches Innen- und Außenleben, das auch noch in Veränderung ist. Etwa dass die Ehemänner (Ben, Didymus) letztlich hinter ihren Frauen zurückstehen und das der Beziehung aber nicht gut tut. Oder ist es viel mehr, dass etwa so etwas wie: "Ben selbst hatte das, was sie zusammen mit seiner Sexualität zu ihm gezogen hatte, seine künstlerische Befähigung, seine Bildhauerei, so leicht aufgegeben" bzw. "Weil ich nicht mit jemanden leben kann, der nicht ohne mich leben kann. (…) Wenn jemand einem soviel Macht über sich gibt, macht er einen zum Tyrannen". Ist das jetzt eine Gretchenfrage: soll man sich für den anderen gar nicht/teilweise/völlig* aufgeben (nicht zutreffendes streichen). Vermutlich sind die Pole nicht zu günstig, wobei ersteres klarer scheint, aber zweiteres unvermeidlicher.

Wie man hier sieht, kann man sich in Büchern dieses Zuschnitts in Gedanken verlieren, die sich wie ein endloser Strudel fortsetzen, mal da, mal dort hin hüpfen.

Nadine Gordimer: Niemand der mit mir geht.

Sz-Bibl.Bd.60

Dienstag, 28. Juli 2020

Die Wahrheit hört man nicht so gern

Schon wenn man nur die offensichtliche Wahrheit vor Augen gehalten bekommt, hört man das (oft) nicht gern. Was aber, wenn die Wahrheit nur eine von vielen ist oder eine, die erst zur solchen wird und vorerst nur eine Prognose ist. So ergeht es der Kassandra. Ihre Wahrheit der Vorausschau hört niemand gern, und noch weniger glaubt man ihr. Jetzt, in Corona Zeiten, machen Politiker, "Wissenschafter" und die Medien die "Wahrheit". (Übrigens: absichtlich nicht gegendert, denn gegenwärtig relevante Politikerinnen sind ja noch rarer gesät als Wissenschaftlerinnen). Und im krassen Gegensatz zu Kassandra können die Blödsinn labern ohne Ende, sie werden für ihre Fehler nicht beanstandet, sondern man wartet schon auf die nächsten "Wahrheiten". Als hätte Apollon als Fluch ausgesprochen: jede und jeder wird Deine Weissagungen glauben, und sind sie falsch, dann wird das ruck-zuck vergessen, und die neuen Weissagungen werden geglaubt. Nun werden dann aufgrund dieser seherischen Fähigkeiten, gesützt von wenig geschickt verdrehten Zahlenspiralen, Maßnahmen getroffen und den Menschen mit der Maske das Maul gestopft. Aber weil sie auf der Wahrheit basieren, müssen diese ja wohl richtig sein. Und so können wir Troja retten.

Christa Wolf: Kassandra.
Sz-Bibl.Band 59

PS: Übrigens auch ein grandioses Buch, das zeigt, wie lächerlich und verabscheuungswürdig sich Heldensagen ausnehmen, wenn man nur die Perspektive wechselt.

Sonntag, 3. Mai 2020

Die Rennaisance der Romantik

Wenn man jemanden fragt, was "romantisch" im geistesgeschichtlichen Sinne meint, kann man als Antwort kriegen: "So wie es in den Romanen ist", romanhaft. Das gibt dann vorerst relativ wenig her. Mir ist jetzt eine Klärung untergekommen; romantisch könnte man das Verhalten, die Psyche, die Gefühlswelt von Maria Stuart in Stefan Zweigs Buch (auch ein Roman!) nennen. Frau Stuart, die schottische Königin, handelt oft vorschnell, oft "unlogisch" und dem ersten Gefühl nachgebend, während Elisabeth I. bedacht, überlegt und vorsichtig, oftmals auch unsicher (Kapitel "Elisabeth gegen Elisabeth") ist. Gewonnen hat zumindest formell (länger gelebt, Macht erhalten) Elisabeth. Ihre Epoche war auch der Auftakt zu rational-wissenschaftlichem Handeln, was zu unerhörtem Fortschritt führte - und die fortschrittlichsten Nationen haben inzwischen die weniger fortschrittlichen unterjocht. Man kann sagen, dass Fortschritt (technisch insbesondere) mit Wohlstand gleichzusetzen ist. Romantisches Verhalten, ritterliches, nicht durchkalkuliertes hat sich als zweite Wahl herausgestellt. Aber zwei Dinge sind schon interessant. Nehmen wir Personen wie Steve Jobs her, der Apple zu einem wichtigen Teil zu dem gemacht hat, was es ist. War er so erfolgreich, weil er nur rationell entscheidete? Handelte er vielleicht auch an wichtigen Stellen "romantisch" im Sinne Maria Stuarts? Ist es diese gezielte Verunreinigung von straight-forward Denken, das die Ausnahmetalente von braven, aber phantasielosen Experten unterscheidet? Ist es vielleicht ein bißchen weniger technokratisches Denken, das nötig wäre, um die Herausforderungen der Gegenwart zu meistern. Phantasie und nicht nur Logik, orthogonales Denken und nicht nur lineare Weiterentwicklung, das wäre gefragt, vielleicht auch wieder Bauchgefühl und Intuition als Ratgeber zulassen (schlechter als so manche "expertengestützte" Entscheidungen von Politikern kann es auch nicht immer sein). Elisabeth mag gewonnen haben, aber vielleicht brauchen wir jetzt eine Renaissance von Romantik, Mut zum Ungewissen.

Stefan Zweig: Maria Stuart.
Sz-Bibl.Band 57

Mittwoch, 1. April 2020

Tell me lies

Ewig währt am Längsten, heißt es. Sollen wir das glauben? Hätten Maciek und Tanja nicht gelogen, wo es ging, wären sie nicht lange gewährt, sondern weg gewesen. Wie ist das überhaupt mit der Wahrheit. Früher, klar, da wusste "man" ja nichts. Allenfalls vom Hörensagen, Grapevine quasi. Heute, alles digital, rasent schnell, sofort Bilder, überall Bilder. Und das ist dann die Wahrheit? Die Wahrheit ist, heute lässt sich digital alles fälschen, alleine die Auswahl kann schon ver-fälschen. Überlegen sie mal, wieviel, von dem was Ihnen aufgetischt wird, sie noch selbst in der Realität nacherfahren? Aber ist es nicht so, dass die virtuelle Welt auch Teil der tatsächlichen Lebenswelt heute ist? Dann wird die digitale Lüge eigentlich wahr, die kleine wie die große, wenn sie nur genug teilen. So wie am Ende bei Louis Begley, wo an Macieks Stelle jemand anderer Tritt, die wahr gewordene Lüge.

Louis Begley: Lügen in Zeiten des Krieges.
Sz-Bibliothek Bd.56

Dienstag, 10. März 2020

Das Glück geglückt?

Ingo Schulze, das klingt jetzt nicht gerade russisch. Ist er auch nicht. Aber die Geschichten in seinen "33 Augenblicken", die klingen glaubhaft russisch. Ein bißchen verrückt, manchmal undeutlich, worauf sie hinaus wollen, und natürlich sind sie alle im Brackwasser zwischen Sowjetunion und was dann auch immer kam. Das "Glück" verbirgt sich in den 33 Geschichten mal mehr, mal weniger. Suchen muss man es sowieso immer. Kann glücken!

Ingo Schulze: 33 Augenblicke des Glücks.
SZ-Bibliothek Band 55

Montag, 12. August 2019

Luxus war schon immer anziehend (und ausziehend)

Das mag jetzt, insbesondere im Anschluss an Jean Ziegler vom vorigen Beitrag, etwas unkorrekt klingen. Aber die Welt der Reichen und Schönen, wie sie in De Moor´s "Der Virtuose" dargestellt wird, ist schon anziehend - vor allem so, wie sie gekonnt beschrieben wird. Die offenbar größte Sorge und vordringlichste Aufgabe ist der persönliche Vergnügen, die Unterhaltung, sind Fragen des Stils, sind Klatsch und Tratsch und Befindlichkeiten, ist Luxus. Dass dieser Luxus nur auf Kosten enorm vieler anderer florieren kann, ist auch klar. Sich seinem Gefühlsleben, der Musik so vollends hingeben wie Carlotta, als gäbe es nichts anderes - es macht einfach Spaß, hier als Leser dabei zu sein, so eine Saison lang in Neapel...

Margriet de Moor: Der Virtuose
(Sz-Bibl. Bd.53)