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Sonntag, 26. Juli 2020

Ausgewogen, nicht ausufernd

Die Idee, einen Krimi in eine bestimmte Lokation und Zeit zu versetzen, ist nichts Neues. Dass man ein sehr kleines Zeitfenster in einer dunklen Zeit wählt, macht die "Spielregeln" klarer und spannender. Aber wenn dann ein spezieller Kunstgriff (der nicht nur Isaak überraschte) gewählt wird, womit zwei Handlungsströme verschmelzen, kann das schon sehr fesselnd werden. Ausgewogen ist das Buch auch noch, denn mit keinem Aspekt wird länger herumgeritten, als es dem Gefühl des Lesers, der Leserin gut tut. (Manche Autoren sind so stolz auf ihre Idee, dass sie sie überstrapazieren. Das ist hier nicht der Fall.) Auch schwingt ein wenig von "Die Feder besiegt das Schwert" mit, wenn viele Zitate aus der Literatur Isaak einfallen und ihm weiterhelfen. Schöne Unterhaltungsliteratur.

Alex Beer: Unter Wölfen.

Mittwoch, 18. September 2019

Die Krezn kommt durch

Wortgewaltig kommt er jedenfalls daher, der Grass. Und auch lyrische Einflechtungen bereichern das Buch. Natürlich ist auch der Hintergrund, ausgehend von der Zwischenkriegszeit und noch dazu Danzig, geschichtsträchtig und Grass' Heimat, ein zentrales Element der Blechtrommel. Aber die Trommel selbst, die Geschichten, die sie berichtet, eine absurder als die andere, der kleine Mann im Wortsinn, der sich doch auch irgendwie durchmogelt, einen Haufen interessanter Charaktäre im Schlepptau (die aber selten so gut sind im durchmogeln und eher auf der Strecke bleiben). Grass besucht viele eigene Schauplätze, wechselt aber die Perspektive (auf 94cm, später etwas mehr). Vermutlich sind bei Erscheinen des Siebenhundertseiters die Wogen einigermaßen hochgegangen.

Günter Grass: Die Blechtrommel

Samstag, 24. November 2018

Der doppelte Hans

Der Hans hat es nicht leicht. Er ist schon mal in keinem einfachen Alter, Abi-Alter. Er muss in zwei Handlungssträngen, die eigentlich nacheinander ablaufen, parallel spielen. Er hat Sorgen: zuerst der Gefangene des Vaters. Das Häuschen, das nicht zur Verfügung steht. Dann der Tod des Vaters. Die neue Familie, und wie davon loskommen. Darin weiters: Martha, die Freundin und gleichzeitg schon wieder Ex, und die verrückte Schwester. Weniger aufwendig wäre es zu fragen, was einfach ist für ihn. Vielleicht die Zeit davor und danach. Wer weiß das schon.

Jurek Becker: Bronsteins Kinder. Bd.45 SZ-Bibliothek

Mittwoch, 24. Oktober 2018

Tatort Lübeck?

Als Tatortschauer ist mir sofort eingeschossen, dass Jobst Schlennstedts Krimi "Traveblut" locker die Vorlage für den Tatort Lübeck geben würde - den es nicht gibt im ARD - den es aber mal gab, wie man nachlesen kann (zwei Folgen, 1981). Dieses Buch hat alle Zutaten: einen Mörder mit dunkler Vergangenheit und Opfern, die auch nicht ganz unschuldig sind. Einen Kommissar, der einen ordentlichen Rucksack an eigenen Problemen mitschleppt. Seine netten Kollegen und Kolleginnen, der Chef und so weiter. Dazu natürlich eine Portion Lokalcolorit. Insgesamt ein rasches Lesevergnügen, dem es aber an Tiefgang fehlt. Vielleicht wäre er beim Fernsehen besser aufgehoben, und man hebt den Tatort Lübeck aus der Taufe mit Aktionsradius Schleswig Holstein.

Jobst Schlennstedt: Traveblut

Montag, 23. Juli 2018

Der Leser kehrt zurück zum Buch und hin zum Ort

Jetzt liest Du ein Buch und bist begeistert. Auch vom Austragungsort der Geschichte, die auch ohne Ort schon mehr als ausreichend wäre. Und die Idee, dort hin zu reisen setzt sich fest. Und nachdem es Jahre später Wirklichkeit geworden ist, nimmst Du das Buch natürlich mit: jetzt, wo Du den Norden direkt auf Dich wirken lassen kannst. Vielleicht siehst Du den Showdown des nördlichsten Polizeipostens Rügbull und des Malers Max Ludwig Nanson auch mit anderen Augen. Vielleicht sogar mit etwas weniger Begeisterung als beim ersten Mal. Hoffentlich nicht das Alter? Abgestumpft? Oder eben schon bekannt und nichts Neues mehr gefunden. Bleibt immer noch die Landschaft und die Farben.

Siegfried Lenz: Deutschstunde (Bd.28 SZ-Bibliothek)

Donnerstag, 2. Juni 2016

In diesem Treibhaus gedeiht zumindest der Text



Wenn der Anspruch, den ein Buch an einen Leser stellt, auch noch Freude bereitet, dann muß es schon gut gelungen sein; denn seien wir ehrlich: wieviel Spaß macht ein Buch, wo man sich vor lauter Anspruch durchquält, nur um sich zu beweisen, daß man (auch) Anspruchsliteratur verträgt. (Natürlich gibt es inzwischen der zwei Polen endlose Weiten) Nebst ausgefeiltem Wortgebrauch ist auch das Thema des „Treibhauses“ von Koeppen klassisch angelegt und doch nicht allerweltlich. Die Beziehung der Innenwelt eines Menschen, der von Keethenheuve, zur Außenwelt, zu einem Deutschland, das langsam und unter gewaltigem Ächzen nach dem Krieg wieder aufsteht. Wo sich die vorher Etablierten wieder etablieren. Die Gutgläubigkeit und der positive Impuls, den Keethenheuve von Außerhalb mitgebracht hat, verflüchtigt sich da rasch.


Wolfgang Koeppen: Das Treibhaus. SZ-Bibl. Bd.27