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Freitag, 6. August 2021

Leicht und herzlich geht es weiter

 Wenn man ein Buch liest und sagt, dass ist einmal erfrischend anders, unaufgeregt aber, keinesfalls gekünstelt aufgemacht und stimmig bis zum Schluss: dann geht das leicht von statten. Zwei sehr junge Menschen, ein Paar, beide hübsch, finden sich in mitten einer verrückten Zeit. Keine aufdringlichen Plot-Twists oder dramatische Szenen verwässern die herzliche Erzählung. Man liest die Briefe, als wären sie immer an einen selbst gerichtet. Da können die Knacker (die alten) machen, was sie sollen, anschaffen, was geht, aber diese Leichtigkeit der Jugend kriegen sie um keinen Preis für sich.


Colette: Mitsou

Bd.65 SZ-Bibliothek

Donnerstag, 16. Mai 2019

Der neue Mann v2.0

Angelika Hager hat das Buch "Kerls!" vorgelegt, das sich dem Thema "Mann im 21.Jahrhundert" annhähern möchte bzw. am Klappentext sogar als "diskrete Schulungsunterlage für den feministischen Macho" gepriesen wird. Ich glaube, viel vom dem wird ohnehin frommens Wunschdenken bleiben. Zum einen gibt es viel zu wenige Männer, die überhaupt in der Lage sind, diese Ansprüche zu erfüllen. Das führt dazu, dass die Nachfrage nach diesen überbordend wird. Und dann fällt das zurück auf die Frauen, weil was glaubst Du, was für einen Anwert Du (in jeglicher Hinsicht) aufs Tableau legen musst, um da dran zu kommen und ihn auch (be-)halten zu können. Die Frage ist jetzt: wie können sich einigermaßen vernunftsbegabte, aber eben nicht zur Elite der alternativen Wunderfuzzis gehörende Männer einen Weg da durch finden?
Gleich vorweg: es gibt heute ein Portfolio an Regeln (das Wort Mindeststandards liegt da eher zu niedrig angesetzt), die ohne Umschweife einzuhalten sind, korrektes Verhalten, no go´s beachten, althergebrachte Irrtümer ("Wenn eine Frau nein sagt, meint sie ja") über Bord werfen. Das muss in jeder Situation gelten, auch wenn einer in einem Zustand ist, wo er nachher sagen will: eine bsoffene Gschicht. Als nächstes: Verbindlichkeit. Abrücken von diesem "alle Möglichkeiten offen halten", nach "allen Seiten bereit sein". Wenn Euch eine Frau wirklich fasziniert, dann seid nur auf sie fokkussiert, aufmerksam, aber auch nicht schleimerisch. Die restlichen Frauen werden vom v2.0 korrekt behandelt, aber Bevorzugungen und die große Zuvorkommenheit sind nun kein Element des Knigge mehr. Aufmerksamkeit ist ohnehin schon ein knappes Gut und sollte dann nicht breit verschwendet werden. Nicht zu vergessen ist, dass es einen großen Gap zwischen Sein und Schein gibt: die Nettigkeitsfalle. Nette Kerls werden gemocht, aber sie kommen nicht zum Zug. Den will Frau als Freund, aber nicht als Partner. Bei all den Anforderungen muss Mann nicht mitspielen. Es ist ohnehin zielbringender und entspannender authentisch zu sein, Trends und Lifestyles außen vor zu lassen. (Wobei nochmal: haltet Euch verdammt noch mal an die Regeln!)
Die Idee ist, dass der v2.0 wieder etwas vom Gleichgewicht herstellt, das mit den Anforderungen des "neuen Mannes" verlorgen gegangen ist. Mich erinnert das an den Hype-Cycle, was hier derzeit abgeht: der Hype wird nachlassen, und es wird wieder einen Erwartungswert geben, den (relativ) viele erfüllen, der aber trotzdem neu ist gegenüber der Version Mann vor dem neuen Mann v1.0. Da müsst Ihr hin, das ist der Auftrag: korrekt sein, sich trotzdem nicht völlig aufgeben.

Dienstag, 10. November 2015

Wahllose Temporärbekanntschaften

Die verworrenen Wege vierer Menschen kreuzen sich in einer vom Krieg zerstörten Villa in Norditalien. Die vier haben völlig unterschiedliche Hintergründe, Herkunft und Geschichten - mit Ausnahme des 194_ global gleichen Nenners, des Krieges - und dann verbringen sie die Tage miteinander oder einander ausweichend. Zeit spielt eine untergeordnete Rolle. Und so kommt eben eins nach dem anderen zum Vorschein, nicht linear, alles andere als klar, alles vor der Kulisse, sie sogar zerstört einen malerischen Eindruck macht. Waren Sie je in einer ähnlichen Situation - natürlich abgesehen vom Krieg, Gott sei dank. Heute würde jeder zu seinem Handy greifen und kommunizieren. Aber nicht mit einander. Keiner würde die Geschichte des anderen teilen. Keiner müßte sich anpassen. So ein Handynetzausfall. Das wäre mal was.

Michael Ondaatje: Der englische Patient. Bd.23 SZ-Bibliothek.