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Freitag, 5. Juni 2026

Zur falschen Zeit am richtigen Ort

 Blanche und Marie haben beide einiges mitgemacht. Und sie haben einander. Ihr Problem ist nicht, dass sie Frauen sind, ihr Problem ist, dass sie Frauen zur falschen Zeit sind. So radikal das fine de ciecle war, so rückständig war man dennoch (also mehr noch als heute). Als rauskommt, dass Marie ein Panscherl mit einem Familienvater hat, kommt das ihrer gesellschaftlichen Beerdigung gleich. Da hilft nicht mal der Nobelpreis. Umgekehrt, hätte ein WissenschafER etwas mit einer verheirateten Frau, wäre das gar kein Problem, vielmehr part of the game. Blanche geht es auch nicht viel besser, bevor sie in Teile zerfällt, wird sie weiterhin als Anschauungsobjekt der Salpetriere angesehen.

Per Olav Enquist. Das Buch von Blanche und Marie. Sz-Bibl.Bd.75

Freitag, 27. Oktober 2023

Einfach gestrickt

Einfach gestrickt erscheint in diesem Buch so ziemlich alles. Die Frauen: sie sind unersättlich, es geht ihnen um möglichst oft und möglichst hart, wobei ohne Geld, hilft selbst die beste Ausstattung nichts. Die Männer: wollen immer, und die Frage ist nur, ob es 3,4,5,6,7 Mal in Folge geht. Die Anmache: ein Spruch, ein bisschen abgrapschen, und läuft schon. Ansonsten: willenlos und unbeherrscht. Das Leben: Männer heiraten standesgemäß, aber es ist klar, dass sie bald eine Geliebte haben. Personen ohne viel Geld kommen nicht vor. Tagesfreizeit ist obligatorisch. Am Umschlag steht eine Autorin, aber vielleicht ist das ja nur ein Verkaufsschmäh. Also - muss man nicht gelesen haben.

Anne-Marie Villefranche: Die Purpurrose

Dienstag, 18. Juli 2023

Die Frau, der Mann und das Meer

Da müssen sich die neuere Erzeugnisse erotischer Literatur aber sehr anhalten. Benoite Groult hat schon vor geraumer Zeit einen wunderbaren Band abgeliefert, Salz auf unserer Haut. Obwohl sie im Vorwort tiefstapelt, hat sie den Wortgebrauch genauso im Griff, wie gewisse andere Dinge im Buch. Hier wird die Frage, ob Sex alleine tragfähig in einer Beziehung ist, vollständig geklärt (ja). Auch alle, teils jahrelangen Pausen werden überwunden. Der starke Mann in seiner urwüchsigen Männlichkeit kann trotzdem Gefühle zeigen und wird deshalb um nichts schwächer. Da kann die liebe Anstandsdame einpacken, wenngleich ihre Meldungen über das Buch verstreut schlichtweg köstlich sind. Überhaupt ist das Buch überaus charmant, französisch, humorvoll, rührend, lieblich, erotisch - einfach ein Must-read.

Freitag, 6. August 2021

Leicht und herzlich geht es weiter

 Wenn man ein Buch liest und sagt, dass ist einmal erfrischend anders, unaufgeregt aber, keinesfalls gekünstelt aufgemacht und stimmig bis zum Schluss: dann geht das leicht von statten. Zwei sehr junge Menschen, ein Paar, beide hübsch, finden sich in mitten einer verrückten Zeit. Keine aufdringlichen Plot-Twists oder dramatische Szenen verwässern die herzliche Erzählung. Man liest die Briefe, als wären sie immer an einen selbst gerichtet. Da können die Knacker (die alten) machen, was sie sollen, anschaffen, was geht, aber diese Leichtigkeit der Jugend kriegen sie um keinen Preis für sich.


Colette: Mitsou

Bd.65 SZ-Bibliothek

Sonntag, 21. Juli 2019

Die Geruchsuhr Modell Grenouille

Das 21.Jahrhundert hat die Dominanz der Wahrnehmung durch Sehen und Hören noch wesentlich verstärkt. Eine Konsequenz dessen, so scheint es, ist, dass die anderen Sinne in den Hintergrund gedrängt werden. Zugleich aber wird der Geruchssinn durch starke, künstliche Gerüche abgestumpft, was zu noch weiterer Reduktion der Wahrnehmungsleistung führt (analog für Schmecken). Und dann haben wir da Jean-Baptiste Grenouille (Patrick Süskinds Das Parfum entsprungen), der riecht vereinfacht gesagt alles und kann über den Geruchssinn alles erkennen. Wie wäre so eine Fähigkeit heutzutage? In der U6 alles andere als lustig, man würde verrückt werden, obwohl Grenouille hat das Paris des 18.Jahrhunderts auch ausgehalten. Und immerhin ist in der U6 Kebap, Leberkässemmel und Pizzaschnitte verboten worden. Im Alltag könnte man erkennen, wer einen anlügt (klar: lügen riecht anders), wer nervös ist, wer gerade mit wem in Verbindung war, was es heute allerorts zu Mittag gab (so haben wir dann die drei genannten, olfaktorischen Spezereien wieder im Odeur der U6). Wäre garnicht so lässig, wenn man von einer Supernase völlig durchschaut wäre. Aber vielleicht kann ja die übernächste Google-Watch "Modell Grenouille" mit Riechsensoren das dann schon, in Verbindung mit Alexa wird das Ding dann frech: "Jetzt mach´ Dich nicht an wegen sowas. Schwitzer! Hey, die heiße Biene da drüben gefällt Dir wohl? Streit es nicht ab. Uh, ertappt, also wenn das ihre Uhr auch riechen kann, wird´s peinlich. Amason-Übertünchungsduft #4711 anwenden, automatische Chatanfrage,..." Umgekehrt kann die heiße Biene stets ihre Wirkung auf die Umgebung checken und bei Spitzenwerten (wo? natürlich in der U6) automatisch ein Update auf Insta hochladen (wo es von NeiderInnen geliked wird). Schöne neue Welt.

Patrick Süskind: Das Parfum.

Dienstag, 28. August 2018

Donnerwetter!

In ein stabiles Hoch, das, einem gut geölten Räderwerk gleich, seine Wege geht, wo jede, wo jeder seine Rolle kennt und spielt, kommt plötzlich Bewegung und es wird gehörig schwül und drückend. Ungemach droht. Bevor Gueret ins Spiel kommt: Frau Londe mit ihrer Neugier und ihrem Restaurant, beides gut in Schuss durch Angele, die verlässlich die Kundenbindung auf eine Weise besorgt, die kein Mann ablehnen kann. So ein Kunde ist auch Herr Grosgeorge und seine Frau wiederum ist zu diszipliniert, hat ihr Innenleben so gut im Griff (oder abgewürgt), dass nichts passieren kann. Aber dann verschiebt sich alles: Gueret verliebt sich in Angele. Angele spielt mit Gueret. Frau Londe will Gueret unbedingt ans Restaurant binden. Gueret ist Hauslehrer bei den Grosgeorges. Frau Grosgeorges ist doch nicht so unnahbar. Und dann bricht der Sturm los. Durch die Abhängigkeiten zieht es alle mit. Das System erweist sich als labil. Jeder versucht, seinen eigenen Leviathan, sein eigenes Monster in sich zu besiegen. Aussichtslos.

Julien Greene: Leviathan. (Bd.43 Sz Bibl)

Montag, 26. März 2018

Fraglos ein Klassiker

Es ist keineswegs verwunderlich, dass dieser Roman zur Weltliteratur gezählt wird. Eine Abenteuergeschichte, verwegene Helden, Liebesdramen, Machtspiele, Humor - hier ist alles enthalten. Die Erzählweise gerät nie ins Stocken, mit Überflüssigem wird sich nicht lange aufgehalten. Auch die teilweise Ambivalenz der Charaktäre macht die Story aus. Wer ist schon wirklich nur böse? Noch nicht einmal der Kardinal. Mylady? Vielleicht. Und Musketiere? Ohne Schwächen hätten sie den Namen nicht verdient. Wunderbares Genre!

Alexandre Dumas: Die drei Musketiere.

Donnerstag, 1. März 2018

Die Philosphie des Bösen

Auch wenn Justine und Julitte vielleicht eine zusammengebastelte Geschichte war, ursprünglich, so könnte die Botschaft nicht klarer sein. Maches alles entsprechend der Tugend und dem Gehört-sich richtig, scheitere nie an deinen hehren Prinzipien, dann ist der Weg in den Abgrund vorbestimmg und geebnet. Und sogar die Vorsehung schickt dir am Ende noch lieber den Blitz als tatenlos zuzusehen, wie du es einmal gut hast. Umgekehrt, je mehr du vom rechten Weg abweichst, desto weniger kann dir geschehen. Je größer die Verbrechen, desto sicherer bist du. Warauf basiert aber De Sades Philosophie? Auf etwas nicht wegzudisktuierendem wie gleichsam leicht zu beweisenden: der Natur. Basis ist, dass die Natur vorsieht, dass sich der Stärkere den Schwächeren zu nutze macht. Und in De Sades Jahrhundert umgemünzt ist aus dem Starken der Reiche, aus dem Schwachen der Arme geworden. Heute käme noch dazu, dass der Ort der Geburt, also 1., 2., 3. Welt (bei De Sade noch als unterschiedliches Klima gesehen) entscheidend ist. Aber sonst hat sich da garnichts geändert. Und auch heute kommt einem schon sehr oft vor, als würde das Böse stets gewinnen, und je frecher und niederträchtiger jemand ist, desto weiter kommt er in jeder Hinsicht. Eine Antwort auf diese Philosophie hat man nicht wirklich parat. Das wäre ja wider die Natur!

Marquis de Sade: Gesammelte Werke (u.a. Justine und Juliette, Eugenie de Franvale, Florville und Courval, Ernestine. Eine Erzählung aus Schweden.)

Sonntag, 28. Mai 2017

Ja Nein Vielleicht - wer ist das jetzt

Findet man sich selbst in jedem Buch wieder? Mehr oder weniger bestimmt, manchmal in Teilen, manchmal ringen einem die beschriebenen Ereignisse ein deja-vu ab. In "Ein Spiel und ein Zeitvertreib" haben wir da den Ich-Erzähler, der Dean bewundert und vielleicht auch stellenweise neidisch ist. Dann ist da Dean, der mit Anne-Marie diese grandiose erste Zeit einer jungen Beziehung durchlebt, die rasant beginnt und sich dann noch schrittweise steigert, die nie genug bekommt, die über jedwelche Langeweile, über jeden Argwohn hinweg hilft. Andererseits "stinkt", wie es da heißt, Dean nach Selbstsicherheit, er leidet an permanenter Geldnot und weiß seine Talente nicht zu nutzen.
Ich vermute, es liegt an der Qualität der einzelnen Sichtweisen, die - sich nicht in überbordenden Beschreibungen verlieren - dennoch anregend sind, an den pointierten Nuancen, das man sich in dem Buch wiederzufinden meint.