Montag, 23. Juli 2018

Der Leser kehrt zurück zum Buch und hin zum Ort

Jetzt liest Du ein Buch und bist begeistert. Auch vom Austragungsort der Geschichte, die auch ohne Ort schon mehr als ausreichend wäre. Und die Idee, dort hin zu reisen setzt sich fest. Und nachdem es Jahre später Wirklichkeit geworden ist, nimmst Du das Buch natürlich mit: jetzt, wo Du den Norden direkt auf Dich wirken lassen kannst. Vielleicht siehst Du den Showdown des nördlichsten Polizeipostens Rügbull und des Malers Max Ludwig Nanson auch mit anderen Augen. Vielleicht sogar mit etwas weniger Begeisterung als beim ersten Mal. Hoffentlich nicht das Alter? Abgestumpft? Oder eben schon bekannt und nichts Neues mehr gefunden. Bleibt immer noch die Landschaft und die Farben.

Siegfried Lenz: Deutschstunde (Bd.28 SZ-Bibliothek)

Sonntag, 1. Juli 2018

Dieses Histörchen hat es nicht geschafft herüber

Heute gilt, je mehr desto. Je mehr man hat, desto (vermeintlich) glücklicher ist man. Wie sonst könnte erklärt werden, dass so viele Leute so viel überflüssigen Kram kaufen. Der unstete Lebenswandel ist völlig out geworden. Keiner hält mehr an und nimmt einen Anhalter mit. Wer keine Adresse hat, den gibt es quasi nicht. Wie sollen wir die Geschichte von Danny und seinen Freunden nach diesen Maßstäben verstehen können. Sicher, die Gallonen von Torellis Provenienz sind stets im Spiel. Ein Dach über den Kopf ist Luxus, und der Besitz macht sogar Unruhe, sodass sich Danny bei Zeiten verflüchtigt. Glücklicher ohne als mit Besitz. Wo findet man so etwas heute noch. Nirgends. Alle, die das vorgeben, sind als Heuchler abzutun. Geist über Materie? Freund, das ist das einundzwanzigste Jahrhundert!

John Steinbeck: Tortilla Flat.
Sz-Bibl. Bd.40

Montag, 4. Juni 2018

Leider, aber die Rolling Stones siegen am Ende immer

Das ist jetzt einmal eine grundlegende Frage. Wenn man einen großen, bunten Strauß an Problemen hat mit der Tendenz, dass sie noch mehr werden: ist es dann eine gute Idee, sich noch weitere Schwierigkeiten aufzuhalsen, quasi die berühmte Flucht nach vorne? Danach könnte man Ewan Morrisons Geschichte von David und Alice befragen. Oder sagt man, wie heißt es so schön "auch schon wurscht", und geht aufs Ganze. Ist die Sachlage wirklich so, dass heutzutage aufgrund der allgemeinen Abstumpfung nur mehr Extremes bewegt? Wann hat eigentlich die Mode mit den 50 shades begonnen? Hier in Erinnerung bleibt sicher der stärkste Moment, die Rolling Stones, Paint it Black, Tschack-a-tschack-a. Das ist wirklich gut!

Ewan Morrison: Swinger

Montag, 30. April 2018

Pasticcio zusammenhanglos

Fay Weldon hat hier eine nette Idee literarisch umgesetzt. Und es gibt dabei stellenweise wirkliche Glanzlichter. Aber insgesamt sind die Geschichten etwas zu skurril, schlagen etwas über die Strenge. Wie weit muss man vom vorstellbaren abweichen, und wie weit darf man. Außerdem ist das Pasticcio an Textsorten auch zu unterschiedlich, womit all das konstruiert wirkt (dass es konstruiert ist, ist alleine noch nichts Schlechtes). Der Kitt, der die Sammlung an Kurzgeschichten zusammenhält, erfüllt seine Funktion. Aber nicht mehr. Ich lerne die Figuren in den Einzeldarstellungen zu wenig kennen, kann nicht recht in die Story reinkippen. Und der Bezug zueinander ist zu schwach. Der gemeinsame Nenner "Frauengeschichten" ist für diese Art der Umsetzung zu vielgestaltig und bindet zu wenig im Konkreten. Die Ideen wäre aber ausbaufähig.

Fay Weldon: Spa Geflüster.

Donnerstag, 5. April 2018

Das 18. Jahrhundert, so sittsam unkorrekt

Ich finde ja die Entstehungsgeschichte schon mal bemerkenswert. Dem Herrn Cleland geht irgendwann die Kohle aus, und er überlegt sich, wie er diesem Umstand begegnen kann. Sex Sells dürfte auch schon im 18. Jahrhundert gegolten haben, also hat er einfach Die Memoiren der Fanny geschrieben - und dann: zuerst hat ihm der Verleger nicht viel abgegeben. Aber die Öffentlichkeit wollte vor weiteren dieser Werke verschont bleiben und so wurde er (monetär) ruhig gestellt.
Das Werk selbst besticht durch seine Sprache: ständig wird zum Angriff gerufen. Ist das anfangs noch amüsant, braucht sich der Effekt ab, genauso wie die Defloration, die Cleland so wichtig gewesen scheint, dass er sie mit den Kolleginnen von Fanny vervierfacht. Insgesamt natürlich eine Sichtweise der Männer und naiv dieselbe. Oder war die Welt damals nicht komplizierter? Und dann ist das ganze aus heutiger Sicht so wundervoll politisch inkorrekt, vom Alter der Beteiligten, oder auch dem Verkauf der Unschuld, oder auch die Szene mit dem geistig Retardierten. Und die große Parallele zu de Sade: am Ende die Läuterung und die Umkehr zur völligen Tugend.

Montag, 26. März 2018

Fraglos ein Klassiker

Es ist keineswegs verwunderlich, dass dieser Roman zur Weltliteratur gezählt wird. Eine Abenteuergeschichte, verwegene Helden, Liebesdramen, Machtspiele, Humor - hier ist alles enthalten. Die Erzählweise gerät nie ins Stocken, mit Überflüssigem wird sich nicht lange aufgehalten. Auch die teilweise Ambivalenz der Charaktäre macht die Story aus. Wer ist schon wirklich nur böse? Noch nicht einmal der Kardinal. Mylady? Vielleicht. Und Musketiere? Ohne Schwächen hätten sie den Namen nicht verdient. Wunderbares Genre!

Alexandre Dumas: Die drei Musketiere.

Donnerstag, 1. März 2018

Die Philosphie des Bösen

Auch wenn Justine und Julitte vielleicht eine zusammengebastelte Geschichte war, ursprünglich, so könnte die Botschaft nicht klarer sein. Maches alles entsprechend der Tugend und dem Gehört-sich richtig, scheitere nie an deinen hehren Prinzipien, dann ist der Weg in den Abgrund vorbestimmg und geebnet. Und sogar die Vorsehung schickt dir am Ende noch lieber den Blitz als tatenlos zuzusehen, wie du es einmal gut hast. Umgekehrt, je mehr du vom rechten Weg abweichst, desto weniger kann dir geschehen. Je größer die Verbrechen, desto sicherer bist du. Warauf basiert aber De Sades Philosophie? Auf etwas nicht wegzudisktuierendem wie gleichsam leicht zu beweisenden: der Natur. Basis ist, dass die Natur vorsieht, dass sich der Stärkere den Schwächeren zu nutze macht. Und in De Sades Jahrhundert umgemünzt ist aus dem Starken der Reiche, aus dem Schwachen der Arme geworden. Heute käme noch dazu, dass der Ort der Geburt, also 1., 2., 3. Welt (bei De Sade noch als unterschiedliches Klima gesehen) entscheidend ist. Aber sonst hat sich da garnichts geändert. Und auch heute kommt einem schon sehr oft vor, als würde das Böse stets gewinnen, und je frecher und niederträchtiger jemand ist, desto weiter kommt er in jeder Hinsicht. Eine Antwort auf diese Philosophie hat man nicht wirklich parat. Das wäre ja wider die Natur!

Marquis de Sade: Gesammelte Werke (u.a. Justine und Juliette, Eugenie de Franvale, Florville und Courval, Ernestine. Eine Erzählung aus Schweden.)