Mittwoch, 26. Mai 2010

Facebook und der Pöbel

Was ist an diesem Facebook das wirklich erstaunliche für einen, der eh auch schon gut eine Dekade an allerhand "revolutionären" Internetentwicklungen miterlebt hat? Ich kann es Euch sagen: Facebook ist die Anwendung, die der Pöbel (die Kategorie "Pöbel" hat man mir netterweise für diesen Beitrag beigestellt) in aller Breite und eingehend nützt. Wie ich gerade jetzt drauf komme. Nun, zum Facebooken dazu gehört ja wohl das Stierln in fremden Profilen, das Betrachten von Personen, die man nicht mal zu seinen Facebookfreunden zählen möchte (und das heißt eh schon was, denn da ist keiner mickrig, denke ich). In meinem (realen) Umfeld wohnen einige Personen solchen Kalibers, und ohne michselbst jetzt wahnsinnig überhöhen zu wollen: die fallen definitiv in die (wie gesagt, geborgte) Kategorie "Pöbel". Aber im FB finden sie sich, und sie sind auch noch aktiv. Das erklärt mMn auch den Fakt, daß weltweit eine halbe Milliarde User registriert sind. Dabei liegt Österreich (lt. der Karte im aktuellen TIME) vergleichsweise moderat in der Stufe 20-29% (der Bevölkerung). Dann lese ich also, daß Leute ohne weiteres angeben, vier Stunden am Tag mit FB zu verbringen. (Wobei, das wird vermutlich im Rahmen des allgemeinen multimedialen Taskings neben Fernsehen etc. von statten gehen, also nicht dem Schlaf oder der Zeit für Körperpflege vorenthalten). Beiträge über FB finden sich ja gegenwärtig allerorts, überall diese furchtbaren Bedenken wegen der Privatsphäre. Aber was ist denn so furtchtbar? Nichts steht im FB, was man nicht selbst reingeschrieben hat (mal abgesehen von ganz üblen Mitmenschen...) Das Problem dabei ist mMn die fehlende Medienkompetenz dafür, oder sagen wir: das Gespür bzw. der versagende Hausverstand bzw. die mangelnde Vorstellungskraft. Die nachkommende Generation wird damit umzugehen wissen, genauso wie es bei jeder Innovation war. Aber jetzt geht es eben rund, und da meine ich, daß die Naivität breit gestreut ist, jedoch beim Pöbel sicher stärker ausgeprägt. Das arge ist ja, wie viele Leute mit echtem Namen drinnen sind, und noch viel schlimmer, mit echtem, gesamten Geburtsdatum. Haben sie schon mal versucht, Personendaten zu "machen"? D.h. beispielsweise eine Liste mit ihren Kundendaten mit einer zweiten Liste, wo Vorlieben der Personen angegeben sind, damit sie die Kunden entsprechend ihrer Interessen ansprechen können. Ichselbst war bei sowas dabei, vor Jahren und noch recht dilletantisch. Aber über den Namen und das Geburtsdatum ist das sehr einfach. So, und nun liefern Sie FB ihren (echten) Namen und ihr (echtes) Geburtsdatum. Dazu noch zig Daten dazu. Bisweilen ist die kommerzielle Nutzung aus den Daten noch moderat, aber in Palo Alto schläft man nicht.
Wobei ich auf der anderen Seite sagen muß: FB zu verweigern ist auch nicht mehr cool. So wie kein Handy zu haben, das ist auch nicht mehr cool. Im Endeffekt muß es eh jeder selbst wissen, aber ichselbst sehe mit leicht gemischten Gefühlen diesem Treiben zu, sonne mich aber in einer recht amüsanten Anordnung zwecks Profilen (Freunde? Wir zwei nicht!)

Dienstag, 20. April 2010

Ghostbusters

Woher nimmt sie nur dieses Gespür, Gutmenschliches, Zeitgeistiges trotz oder gerade wegen der bedingungslosen allgemeinen Goutierung zu hinterfragen? In "Recherchegespenst" greift Katrin Röggla den Bereich der NGOs (non governmental organizations) auf, im selben Atemzug das moderne Nomadentum einer Generation von Laptopwarriors, die sich in der Internationalität verliert und das Zurückkommen nicht mehr schafft. Und dazu streift sie noch Journalistentum, die Recherche als solches, Professionalität selbiger. Und neben diesen Schichten ist auch die Umsetzung als Hörspiel mehrschichtig. Ein Hintergrund der Recherche, das Tippsen auf - natürlich - einem Laptop, ein Tonbandgerät mit einem Interview, der zunehmend sich zuspitzende Zwist zwischen (anscheinend) Geschwistern, weil die Story den Bach runter geht. In Röggla´scher Manier erfreue ich mich auch wieder des Konjunktives, der aber diesmal garnicht so kraß hervortritt, auch der Wiederholungen und Variationen. (Ich könnte jetzt nachschauen, ob Recherchegespenst zeitlich vor oder nach Wir schlafen nicht / Worst Case entstanden ist). Im Vergleich mit den beiden genannten Stücken, von denen ich eines gelesen und eines im Theater ("Wir haben eine Röggla-Vergangenheit") erlebt habe, meine ich für mich: für sie ist das Hörspiel noch tauglicher, als die Bühne. Die Umsetzung ihrer Form ist anspruchsvoll genug, da bedarf es keiner Szenerie.
Bei näherer Betrachtung entpuppt sich auch das NGO Business (!) als ein dreckiges. Hilfe wird zum Selbstzweck, wer nicht genügend Mittel aufbringt und sie verwertet, ist draußen - und in der Abhängigkeit von Medien und Politik sind alle Mittel recht, Akquise und neue Projekte ständig. Hauptsache Demokratieexport (oder doch Neoimperialismus). Bis dann es auftaucht, das Recherchegespenst, wieder ein Dropout des Demokratieexportgewerbes. Und wo sind jetzt die Zinsen für meine Aufmerksamkeitsenergie? Bedarf es denn nur noch der Züchtung einer Escape-goat, und dann via Lounges (airconditioned) und Expatstreffs zum nächsten Ziel. Es sei denn, die Isländer befeuern gerade wieder ihren Vulkan.

Montag, 19. April 2010

Wishful thinking

"Lieber fünf Minuten am Tag genial, als acht Stunden rumhocken."
(fehlt nur noch die Genialität und diejenigen, die sie mir abkaufen. Aber der Rest - Couch im Büro, Vormittagssport, kochen, rasten, Kaffee saufen, Schmäh führen - wäre schon da.)

Sonntag, 4. April 2010

Das Pendel schlägt zurück

"Die Erde rotierte, doch der Ort, wo das Pendel befestigt war, war der einzige Fixpunkt im Universum" (p.11)

Daß ein Pendel zurückschlägt, liegt in der Natur desselben; in meinem Fall hat es das aber wirklich. Vor ziemlich genau 10 Jahren habe ich Das Foucaultsche Pendel (Umberto Eco, 1988) erstmals gelesen und dabei anscheinend nicht viel mitbekommen. Sonst hätte ich nicht der Idee anheim fallen können zu meinen, Das Pendel sei nicht noch besser als Die Rose. Nur muß sich erst einer drauf einlassen.

Worin liegt mein Faszinosum in diesen achthundertirgendwas Seiten? Vermutlich will jeder Leser so sein wie Casaubon, vermutlich auch ich. Und dieses Hineintappen in etwas, das, von völlig harmlosem Ausgang, schließlich ganz und gar außer Kontrolle gerät: nicht daß ich mir so etwas wünschte oder gar anmaßte. Aber! Sich aus Fakten, aus nichts als Fakten etwas zusammenzimmern, sie neu anordnen, mit ihnen jonglieren, sie mißbrauchen, sie drehen, wenden, zusammensetzen, bis es paßt als Puzzlestein in den Großen Plan. Geht es dann doch nicht weiter, vertraut man dem Computer, dem lieben Abulafia, oder Bergen an Manuskripten entsprechend verrückter Hermetiker oder Illuminaten. Ganz am Ende werden die Konstruktionsregeln geoffenbart (p.796f), demnach (i) werden die Begriffe per Analogie verbunden, in Folge (ii) verifiziert, indem sich die Kette schließt (z.B. Kartoffel-Apfel-Schlange-Kringel-Rettungsring-Badeanzug-Meer-Schiff-Shit-Droge-Spritze-Loch-Boden-Acker-Kartoffel) und dabei ist (iii) zu beachten, daß die Verbindungen eben nicht zu originell sein dürfen, sondern zumindest ein mal, besser mehrmals von anderen so getan.

Das Buch ist ja von Deckel zu Deckel voll gespickt von direkt benannten Zitaten und noch viel mehr weniger bis nicht direkt benannten Verweisen, nicht nur zu Büchern: "Wie schwer ist es, ein Versteck [im Conservatoire Saint-Martin-des-Champs] zu finden, wenn die Verstecke Bilder einer Ausstellung sind." (p.19) Vielleicht ist es die Freude, hie und da so einen Verweis zu entschlüsseln, sich fast im Augenblick zu fühlen, wie einer der drei Lektoren. Nur eben ganz klein.

Gerade in Zeiten, wo man nichts mehr weiß und stattdessen alles Google zu entlocken meint; selten gebe ich Neid zu, aber an dieser Stelle... "Ich beschloß, mir einen Beruf zu erfinden: mir war aufgefallen, daß ich viele Dinge wußte, die alle zusammenhanglos nebeneinander standen, aber die ich in wenigen Stunden durch ein paar Bibliotheksbesuche ganz gut miteinander verbinden konnte" (p.291), und so erfindet er seine Agentur für Bildungsauskünfte. Casaubon bastelt sich natürlich einen Karteikasten, wo wir gleich bei "Wie man eine wissenschaftliche Abschlußarbeit schreibt" (Eco, 1977) sind, wo der Autor das eben genannte den angehenden Verfassern der Laurea rät.

Vielleicht faszinieren mich an diesem Buch auch die vielen Fundstellen, Weisheiten, die Atmosphäre in Pilades Bar, die Logik des Geheimbundes: je mehr man etwas abstreitet, desto mehr wird es für wahr gehalten und dessen Persiflage: "Ich habe mir aus Frankreich das Adreßbuch aller zur Zeit in der Welt existierenden Geheimgesellschaften kommen lassen" (p.343). Oder ist es Lorenza am Flipper? Oder dann doch die Dialoge. Oder ist es der arme Belbo, alles was er mitmachen mußte, alles wegen dem Baryton und dann doch sein Triumph post mortem aus dem verstaubten Schrank im Piemont.

Was für ein Buch! Und so schreiben die drei Verlagslektoren die Weltgeschichte neu, erklären von den Kreuzzügen bis zum Holocaust alles. "Der Plan ist wahr." (p.34)

Montag, 15. März 2010

Iden

jetzt kommt der Windstoß,
läßt den schweren, batzigen Schnee von den
Ästen des kleinen Apfelbäumchens stürzen -
und das in den Iden des März,
Lenz, wo bist Du?

Dienstag, 16. Februar 2010

Knochenweich

Geld, Gier, Sex, die Gottlosigkeit der heutigen Zeit, Egoismus? Eines all dieser Dinge oder alle gemeinsam haben die Geschichte ausgelöst, in die "unser" Brenner da getappt ist. Mit "Der Knochenmann" erlebt man das seltene Kunststück, daß massentaugliche Ware auch für (selbst ernannte) Kulturgutmenschen passend sein kann. Mit dem Gasthaus & Fleischerei Löschenkohl als Rahmen hat man großes Gespür bewiesen, steirische Heimatfilmtragödien mit pathologischen Einlagen, das alles einem unbedarft zum Handkuß kommenden Hader, der mit Sprüchen wie "Beim Hendlessen ist alles möglich" als Reaktion auf den gefundenen, abgetrennten Finger und die These, es sei "vielleicht ein Unfall gewesen" punktet und diese diversen Perversitäten so schön ad absurdum führt, daß man sich delektiert, wenn er Mitten in der Nacht Wirtens frisch gekochtes Erpressergulasch ißt und die Zartheit des Fleisches lobt. Bei uns am Land, wo eben die Welt noch in Ordnung ist.
Mit der Anzeige des Wirten durch den Juniorchef nimmt der Plot eine gefällige Wendung, die dann in einem Faschingsgschnas gipfelt, das ohne aufgearbeitete Leiber als Hintergrund graumsam genug wäre. Passend dazu auch die Liebesszene, Brenners Schnellschuß und als Parallelhandlung das Blättern im Buche der Geschlechtsumwandlung.
Natürlich könnte man sagen, ein paar Details wie die penibel gezogenen Zähne des ersten Opfers seien an der Grenze, aber der Vorschußlorbeerbaum, den österreichische Produktionen an sich schon haben, hat sich vollends als gerechtfertigt bewiesen. Und der Brenner ist so entwaffnend genial knochenweich, unerbittlich zugleich - hundert Punkte.

Montag, 8. Februar 2010

Kurzweilig ist langweilig

Also habe ich samstags (mit Unterbrechungen) den Streifen "Der Teufel trägt Prada" im Fernsehen geguckt. Gewünscht hätte man sich so etwas wie eine Milieustudie, aber "Studie": dafür war das zu kurzatmig. Um die Handlung voranzutreiben (sehr viel Handlung, sehr, sehr viel) blieben die Charaktäre auf der Strecke. Schön langsam glaube ich, ich werde zu alt für dieses Hollywood-Schema, das über jedes erdenkliche Thema gestülpt wird. Um unterhaltend und massentauglich, kurz gesagt: um kurzweilig zu sein, muß verkürzt, grob vergrößert, auf Klischees zurückgegriffen werden. Und eben diese Kurzweile ist mir langweilig geworden, so durchschaubar, so ein übelriechendes Fastfoodweckerl, das immer gleich schmeckt.

Aber abgesehen davon. Was will uns dieser Film sagen? Daß man, sofern man sehr klug ist und bereit, jede Überstunde (!) zu leisten ohne Ende, auch in einer sehr harten Branche mit Größe 36 durchkommen kann? Daß auch an sich grundschlechte Menschen in kurzen Momenten ihr Herz erweichen können? Daß ein Seitensprung vor der lebenslang glücklichen Monogamie sein muß? Gerade bei letzterem Sachverhalt drängt sich VickyChristinaBarcelona auf, auch hier "mußte" ein Seitensprung Vickys sein, um die Ehe zu ermöglichen. Paßt eigentlich garnicht zur amerikanischen Sichtweise der Dinge. Aber es wird auch insofern nahe gelegt, als die jeweiligen Partner bzw. die künftigen Ehemänner doch jederzeit danach problemlos parat stehen, sich noch nicht einmal groß zieren. Noch ein Aspekt ist des Strapazierens wert: Frauen. Diese Branche, obhin in Echt sehr wohl Männer genauso die Linien vorgeben, wird im Film als Frauenbetrieb gezeigt. (Gerademal ein Mann, Nigel, sofern ich nicht irre, kommt vor, und hej: heißt es nicht, Männer in der Modebranche müssen per se schwul sein müssen? Dabei ist das so ein Schwachsinn - grundsätzlich betrachtet. Denn was ist denn das hehre Ziel der Modebranche: Frauen schön machen, sie schmücken, sie in eine Augenweide verwandeln, elegant, gewagt, sexy. Jedenfalls. Und wäre da nicht ein hetereosexueller Mann besser, der Frauen liebt, ihre Erscheinung, ihre Ausstrahlung, auch ihre Körper. Der sie dann versucht und vermag, Kraft aller Phantasie alle Blicke der Bewunderung sicher zu machen? Aber das denkt ein Kurzsichtiger.
Jedenfalls, in unserem Film wird es sogar rezitiert: wäre sie (Mrs.Modemagazin) ein "er", es würde nur heißen, er mache seinen Job gut. Will uns Hollywood also sagen, Frauen müssen 10x härter arbeiten und sein, um Karriere zu machen, und dann gelten sie auch noch als Eiskönigin.
Irgendwie kann ich mich mit all diesen Bildern nicht anfreunden. Und dieser moralische Wandel zum Schluß: widersagst Du dem Teufel und seinem mit High Heels gepflasterten Weg in die Hölle? Ich widersage. (Die Steigerung wäre gewesen, daß die Protagonistin vorerst innerlich widersagt, aber sich bis zur Leitung des Magazins hochdient und dann alles umkrempelt auf fair und menschlich). Träum weiter...