Mittwoch, 22. Juli 2020

Die S-Kurve kann eh alles

Kurven spielen in der Erotik klarerweise eine Rolle. Aber diese Kurve? Das hätte man sich wohl nicht gedacht. Hier eine S-Kurve nach dem Schema:
1 K + C e -rx

Wenn wir nun als Inputgröße den Stimulus hernehmen und als Outputgröße die erzielte Wirkung, dann könnte man bei Vina Jackson feststellen, dass der Reiz von Beginn an langsam, aber kontinuierlich gesteigert wird, was dann aber rasant zunimmt und sich dann selbst überholt. Und interessant: Obwohl es dann sehr explizit und ausufernd wird, nimmt tatsächlich die Wirkung ab! Denn offenbar ist der Mensch so gepolt, dass er auf die Veränderung reagiert, spricht die Steigung der Kurve bzw. erst Ableitung, und dann schau das so aus (die grüne Linie):
Und da sehen wir, dass in Wirklichkeit die Wirkung bei Überreizung wieder nachlässt. Offenbar zeigt uns das ein Geheimnis, dass es einen "günstigen" Bereich gibt, um große Wirkung zu erzielen, der aber nicht automatisch in voller Inputleistung liegt. Hierin liegt also die Kunst.

Vina Jackson: 80 days.

Jeder Irving ist der vierte

Ich habe schon länger nichts von John Irving gelesen und jetzt zu "Die vierte Hand" gegriffen. Schon nach ein paar Seiten war ich wieder in eine der skurrilen Welten von Irving eingetaucht. Er verkauft sehr geschickt mit diesen, teils absurden Charaktären und ihren Geschichten, die auch noch "zufällig" zusammentreffen tiefgreifende Themen. Trennungsschmerz etwa, der auf vielfältige Art erlebt werden kann, körperlich, wenn einem jemand die Hand abbeißt. Aber auch seelisch, durch Verlust, Trennung, räumliche Distanz mit Unsicherheit. Wenn dann die Trennung überkommen wird, dann auf Irving'sche Art. Die dritte Hand, die vierte Hand. Am Ende zieht sich all das ein wenig hin und die Läuterung von Wallingford braucht Zeit und Seiten. Insgesamt ein heiteres, gut geschriebenes Lesevergnügen.

John Irving: Die vierte Hand.

Sonntag, 5. Juli 2020

Immer nur das Richtige machen reicht auch nicht aus

Ist das ein übler Zug, wenn sich eine Person A aufopfert, alles macht, um eine andere Person B voranzubringen, glücklich zu machen, aber im Endeffekt entscheidet sich die Person B, nachdem der Erfolg durchgeschlagen hat, für eine Person C (mit anderen Qualitäten, Geld, Aussehen, Status). Wäre es als Belohnung nicht angemessen, wenn Clara (A) den Dirigenten Edwin (B) bekommen hätte? Andererseits macht Clara das ja freiwillig, und der Preis ist nicht vorweg ausgemacht. Das ist freilich nur eine Erzählung von Urs Widmer. Aber kommt uns dieses Schema nicht doch bekannt vor? Warum kommen solche fleißigen Mädchen, solche guten Zuhörer und Tröstermänner meist doch nicht zum Zug? (Man hört hier am Lande immer die Mütter und potentiellen Schwiermütter sagen: ich versteh nicht, warum der keine bekommt, der is ja so kommod. Und fleißig.

Vielleicht ist es, weil sie zu einfach zu haben sind. Was nichts (keinen Aufwand) kostet, ist nichts wert. Aber vielleicht bequem. Edwin war nicht bequem (sonst hätte er sich das anfängliche Theater als Dirigent nicht angetan). Er war zielstrebig und hat die Millionenerbin gewählt. Clara hat das nie überwunden.

Urs Widmer: Der Geliebte der Mutter
Sz-Bibl.Band 58

Samstag, 30. Mai 2020

Jetzt steigere dich nicht so hinein!

Das ist jetzt irgendwie eine Gretchenfrage. Soll man sich in etwas hineinsteigern? Oder doch nicht? Wann ist es Zeit, die Niederlage anzuerkennen, den Verlust zu realisieren. Gibt man vorschnell auf, oder ist man unnötig verbissen und blockiert sich selbst. Eine durchaus nicht leicht zu beantwortende Frage und auch eine solche des Tempraments. Ein Beispiel dafür, was rauskommt, wenn man keinesfalls zu weichen bereit ist, liefert Simon Beckett in "Obsession". Der eine besessen, der andere besessen. Natürlich überspitzt, aber in milderer Form durchaus gängig, eben Sorgerechtsstreit, Nachbarschaftsstreit, Hickhack und Befindlichkeiten in der Verwandtschaft. Und dann wird Energie verschwendet in jeglicher Hinsicht und die Leute blockieren sich selbst. Wie kommt man aus dem Deadlock raus? Wenn vor und zurück nicht geht, heißt das Zauberwort "orthogonal", frei übersetzt mit "etwas anders machen". Die Helden bei Beckett konnten das nicht, sonst wäre der Spannungsbogen eingeknickt. Aber in echt, immer eine gute Idee, im Denken eine andere Richtung auszuprobieren. Tut auch nicht weh.

Simon Beckett: Obsession

Freitag, 8. Mai 2020

Leichte Kost

Nicht dass ich beurteilen könnte, ob die Küche Sri Lankas leichte Kost ist. Man bekommt Lust drauf bei diesem Buch. Aber der Roman selbst, Martin Suters "Der Koch" ist schon leichte Kost. Irgendwie hat der gute Suter zu viele Zutaten vermischt, aber jeweils zu wenig davon, dass ein Geschmack draus werden könnte. Flüchtlingsschicksal, Lesbe, die bekehrt wird und dann doch nicht, die Zauber und Wirkung der Kochkünste (das Parfum ist mir da gleich eingefallen), politische Verflechtungen, das Escort-Business und so weiter. Material für tausend Seiten. Von allem nur eine Kostprobe, na, wenigstens wird man nicht dick dabei. Witzig auch, dass die Story (der Roman stammt aus 2010) die letzte Krise (2008 Sub-Prime) wieder aufleben lässt. Jetzt die neue Krise, na, da wird uns auch noch ein Buchregen erwarten. Mal sehen, was es bei mir ranspült.

Sonntag, 3. Mai 2020

Die Rennaisance der Romantik

Wenn man jemanden fragt, was "romantisch" im geistesgeschichtlichen Sinne meint, kann man als Antwort kriegen: "So wie es in den Romanen ist", romanhaft. Das gibt dann vorerst relativ wenig her. Mir ist jetzt eine Klärung untergekommen; romantisch könnte man das Verhalten, die Psyche, die Gefühlswelt von Maria Stuart in Stefan Zweigs Buch (auch ein Roman!) nennen. Frau Stuart, die schottische Königin, handelt oft vorschnell, oft "unlogisch" und dem ersten Gefühl nachgebend, während Elisabeth I. bedacht, überlegt und vorsichtig, oftmals auch unsicher (Kapitel "Elisabeth gegen Elisabeth") ist. Gewonnen hat zumindest formell (länger gelebt, Macht erhalten) Elisabeth. Ihre Epoche war auch der Auftakt zu rational-wissenschaftlichem Handeln, was zu unerhörtem Fortschritt führte - und die fortschrittlichsten Nationen haben inzwischen die weniger fortschrittlichen unterjocht. Man kann sagen, dass Fortschritt (technisch insbesondere) mit Wohlstand gleichzusetzen ist. Romantisches Verhalten, ritterliches, nicht durchkalkuliertes hat sich als zweite Wahl herausgestellt. Aber zwei Dinge sind schon interessant. Nehmen wir Personen wie Steve Jobs her, der Apple zu einem wichtigen Teil zu dem gemacht hat, was es ist. War er so erfolgreich, weil er nur rationell entscheidete? Handelte er vielleicht auch an wichtigen Stellen "romantisch" im Sinne Maria Stuarts? Ist es diese gezielte Verunreinigung von straight-forward Denken, das die Ausnahmetalente von braven, aber phantasielosen Experten unterscheidet? Ist es vielleicht ein bißchen weniger technokratisches Denken, das nötig wäre, um die Herausforderungen der Gegenwart zu meistern. Phantasie und nicht nur Logik, orthogonales Denken und nicht nur lineare Weiterentwicklung, das wäre gefragt, vielleicht auch wieder Bauchgefühl und Intuition als Ratgeber zulassen (schlechter als so manche "expertengestützte" Entscheidungen von Politikern kann es auch nicht immer sein). Elisabeth mag gewonnen haben, aber vielleicht brauchen wir jetzt eine Renaissance von Romantik, Mut zum Ungewissen.

Stefan Zweig: Maria Stuart.
Sz-Bibl.Band 57

Samstag, 18. April 2020

Corona Virus-Krise-Panik-Hysterie-Farce

Ich muss es zugeben, zu Beginn fand ich den Umgang mit Corona in unserem Land sehr professionell und zielführend. Man hat effektiv (und erfolgreich) dem Schlimmsten vorgebeugt. Und alle haben brav mitgemacht. Aber mittlerweile finde ich anhand der Zahlen und dem Umgang mit dem Virus (Abstand, Masken) die Maßnahmen für überzogen. Unter 4000 Fälle in Österreich. Die Wahrscheinlichkeit beim Baumarkt ums Eck einen Corona-Kranken anzutreffen ist verschwindend. Außerdem: eh alle Masken. Zur Farce wird das Ganze, wenn die Öffnungen (und Nicht-Öffnungen) einzelner Bereiche nicht nachvollziehbar sind. Bau- und Gartenmärkte sind offen und waren heute vormittag extrem gut besucht, während der Parkplatz beim Einrichtungshaus vor Leere gähnte. Bei Schulen überlegt man die Öffnung, die Universitäten bleiben aber bis Ende Juni zu (ich dachte immer, Kinder wären die, die in der großen Pause auf Tuchfühlung gehen, nicht Studierende). Leider ist vor lauter Corona-Angst bei der Bevölkerung und bei den Medien wirde Stimme gegen die Linie ignoriert (im besten Fall).

Corona - das schweizer Taschenmesser der Gründe

Wir manövrieren uns jetzt in eine Situation, wo Corona als Begründung für alles herhalten kann. Ich höre schon Leute in Jahren sagen: klar, dass der Hansi bei der Matura Probleme hat, denn mit Corona hat er ja (+Übertreibung) ein ganzes Jahr verloren. Corona ist Schuld an meinen ... (zutreffendes ankreuzen oder Freitextfeld nutzen).

Daher jetzt: maximale Öffnung mit maximaler Sicherheit.