Da ist auf der einen Seite diese Stadt: vom Geld regiert, korrupt, gierig, vergnügungssüchtig, dekandent - kurzum ein Paradebeispiel für einen Ort, den eine höhere Instanz (Götter, Gerechtigkeit) demnächst grob hinweg fegen wird. Und dann ist da der Vulkan, der letztlich das seine dazu beiträgt. Aber an einer Stelle sagt Plinius, die Natur sei gleichgültig, ob jemand sich mehr in Bescheidenheit geübt hätte und die Auslöschung weniger verdient. Und diese Stelle macht diesem dankbaren Sujet der verkommenen Stadt (Land, Gesellschaft, Kultur) und der gerechten Strafe einen Strich durch die Rechnung. Freilich hat man stets ein Orakel gefunden oder eine Gottheit (bzw. Sünden) herangezogen für Katastrophen. Aber das könnte auch als Erklärungsmodell abgetan werden.
Und damit können wir den Untergang vom Pompeji auch nicht auf die heutige Finanzkrise (oder eine andere Krise, suchen Sie sich eine aus) umlegen. Ja, die westlichen Gesellschaften sind dekadent ohne Gleichen: werfen Sie nur einen Blick auf das Haustiergeschäft, oder die Jugend, die nicht mehr weiß, was sie sich noch wünschen soll und künstliche Bedürfnisse braucht. Und Vorzeichen, daß es bald kracht? Die gab es in Pompeji. Nur keiner war sie zu deuten in der Lage, oder gewillt. Neben dem "echten" Helden Plinius hat Richard Harris auch noch Atilius die Rolle des Wasserbaumeisters verpaßt, der im Ansatz die Zeichen erkennt. Ein bißchen Hollywood-Katastrophenschinken-mäßig hört natürlich keiner auf ihn, bis es zu spät ist. Aber er rettet die Geliebte aus den Fängen des Bösen, der abgefackelt wird.
Falls das abgebraucht klingt: weit gefehlt. Alleine die äußerst interessante Perspektive aus Sicht des Wasserbaumeisters auf die Stadt und ihren Untergang ist die Lektüre wert. Spannend ist sie obendrein.
Richard Harris: Pompeji.
Donnerstag, 21. Mai 2015
Sonntag, 17. Mai 2015
Die verkehrte Würfelwelt
"Irgendetwas
stimmt nicht, aber ich weiß nicht, was." Bei diesem Buch stimmt die Reihenfolge der Erscheindung nicht mehr. Wie war es früher: da wurde eine Geschichte erfunden, ein Buch. Dann, wenn es gut lief, konnte daraus ein Film werden. Und im Zuge der Vermarktung gab es Spielzeug und ein Computerspiel. Meistens nahm das investierte Herzblut in dieser Kette zugunsten der Kohle ab. Aber heute! Da erfindet jemand in Stockholm ein Computerspiel, das sich rasend verbreitet und mit seiner Würfelidee viel Möglichkeit für Kreativität der Spieler eröffnet. Und Jahre später schreibt ein Deutscher eine Romanreihe dazu.
Also ohne die (Grund)Kenntnis des Spiels macht der Roman nicht viel Sinn. Im Prinzip wird - wie schon bei Tron - ein Mensch in ein Computerspiel integriert, und es gibt einen Wechsel zwischen realer und Computerspielwelt. Insgesamt wirkt das Ganze etwas langamtig: ständig die Ausweglosigkeit, die aber überwunden wird. Immerhin lernt man abgesehen von den üblichen Verdächtigen wie Creepern, Zombies, Riesenspinnen oder Skeletten auch noch viele andere Minecraftübeltäter kennen. Und ich habe den Eindruck, daß es den Kids gut gefallen wird.Unnnggghh!
Karl Olsberg: Würfelwelt.
Also ohne die (Grund)Kenntnis des Spiels macht der Roman nicht viel Sinn. Im Prinzip wird - wie schon bei Tron - ein Mensch in ein Computerspiel integriert, und es gibt einen Wechsel zwischen realer und Computerspielwelt. Insgesamt wirkt das Ganze etwas langamtig: ständig die Ausweglosigkeit, die aber überwunden wird. Immerhin lernt man abgesehen von den üblichen Verdächtigen wie Creepern, Zombies, Riesenspinnen oder Skeletten auch noch viele andere Minecraftübeltäter kennen. Und ich habe den Eindruck, daß es den Kids gut gefallen wird.Unnnggghh!
Karl Olsberg: Würfelwelt.
Drei Tage Wulzendorf non stop
Es ist wie beim Kochen. Da verwendet einer die richtigen Zutaten und es schaut gut aus, aber irgendwie bleibt dann beim Essen der Appetit aus, etwas paßt nicht, ohne daß man sagen könnte, was das wäre. So ergangen ist es mir bei "Volksfest". Vorweg: die Grundidee, als Hintergrund für die Handlung ein Dreitagesfest in der Pampa irgendwo in Niederösterreich heranzuziehen, taugt mir voll. Sprachlich kommt das Buch, sagen wir "elaboriert" daher. Und guter Wortwitz fehlt nicht. Auch das Tempo der Handlung paßt, und in nicht wenigen Schmähs findet man sich rasch wieder - oder ertappt. Warum ich es nur gut finde und nicht begeistert bin? Vielleicht kann ich die teils sperrigen Sätze nicht rasch genug entziffern, um ein Lesetempo zu erreichen, das für eine "Krimikomödie" paßt. Oder kommt der Schmäh zu dicht und teils oberflächlich daher? Oder ist die Lektüre von diversen Wolf Haas Werken Schuld. Ein wenig erinnert mich das Gefühl beim Lesen an die Trilogie von Lutz Sommerfeld. Aber falls sich der ORF zu einer Verfilmung hinreißt, die nicht so nett und lieb daherkommt wie die Raab´s Metzkerkrimis, sondern bildgewaltig, dann könnte das ziemlich stark werden.
Rainer Nikowitz: Volksfest.
Rainer Nikowitz: Volksfest.
Augenzwinkern für die Beziehungskiste
Die große Klammer, die sich durch das Pease Buch mit den Lügen und den Schuhen zieht, ist Mann und Frau, und wie gehabt keine Bescheidenheit der Autoren. Von einem "phänomenalen Bestseller" am Umschlagtext zu sprechen setzt sich fort im Inhalt insofern, daß die Autoren niemals eine Antwort schuldig bleiben. Für alles gibt es eine Erklärung! Dabei müssen oft die urzeitlichen Lebensumstände herhalten, eigentlich fast immer. Denn sogar die Unterschiede im Gehirn zwischen Mann und Frau kommen daher, daß Männer jagten und Frauen hegten. All das ist verpackt in Ratgeber (lügen sie einer Frau nie ins Gesicht, sie könnte sie an der Mimik und den Gesten durchschauen, telefonieren oder noch besser eMail verwenden!) oder durchaus ernst gemeinte Lösungsvorschläge. Daß man eine nicht allzu ernste Lesart wählen sollte und nicht alles für bar einsetzbare Münze hernehmen, das deuten die Autoren schon damit an, daß sie immer wieder mit teils witzigen Sprüchen für Auflockerung sorgen. Dann kann es schon amüsant werden, zu erfahren, warum Frauen so viel reden und Männer gerne Sport schauen. (Ausnahmen soll es jeweils geben!)
Allan et Barbara Pease: Warum Männer lügen und Frauen immer Schuhe kaufen.
Allan et Barbara Pease: Warum Männer lügen und Frauen immer Schuhe kaufen.
Sonntag, 3. Mai 2015
Das Tom-Clancy Finale: brilliant
Es muß etwa 1990 oder 1991 gewesen sein, als ich Jagd auf Roter Oktober gelesen habe. Das ist mir insofern in Erinnerung geblieben, als es das erste Buch war, das mich so gefesselt hat, daß ich es kaum erwarten konnte weiterzulesen, wenn der eine Tag um war und ich am nächsten arbeiten mußte. Das hat es seither immer wieder mal gegeben. Und auch beim letzten Werk von Tom Clancy war es nicht anders. Wenn am Klappentext steht: "Der neue große Tom Clancy mit Starbesetzung", so würde man zuerst befremdet denken: Starbesetzung in einem Buch? Bücher brauchen doch keine Hollywood Stars. Aber hier sind die Charaktäre gemeint, die Clancy schon seit gut zwei Jahrzehnten pflegt, und die mittlerweile tatsächlich so etwas wie "Stars" sind. Das stärkste an diesem Buch ist aber sein Bezug zur tatsächlichen Ukraine-Krise. Man kann kaum glauben und schaut zwei mal nach, daß Clancy das Buch just vor den Maidanunruhen und der folgenden russischen Operationen in der Ukraine veröffentlicht hat. Fast schon gespenstisch, glaubt man stellenweise eher aktuelle Nachrichten zu lesen als einen Roman. Fesselnd allemal!
Tom Clancy: Command Authority. Kampf um die Krim.
Tom Clancy: Command Authority. Kampf um die Krim.
Montag, 27. April 2015
Empirie ist der Lust Tod
Es ist eben diese typisch amerikanische Art von Sozialwissenschaft: schwerst empirielastig. Da muß man ja sagen: ein gänzlich unwissenschaftliches Buch oder eine seriöse Arbeit - ja, aber das Ding dazwischen, nicht Fisch nicht Fleisch. Daß es laut dem Coveraufdruck ein Weltbestseller sein soll, wird am Thema liegen. Sex sells. Und zugegeben, ein bißchen Unterhaltungswert hatte das Buch durchaus. Aber dann diese vielen Ratschläge, die klingen, als wären sie ernst gemeint. Und die total einseitige Basiserklärung, die das Fundament und den Roten Faden durch das Buch bildet: bei Frauen zählt das Aussehen. Bei Männern das Einkommen. (Frei zu erweitern um etliche Begriffe derselben semantischen Felder). Ob es in Amerika wirklich schon so arg ist? Anzunehmen, wenn man etwa von den Dating-Regeln ausgeht. Fünf Dates = Sex ODER ex(it).
Weil dieser Erklärungsansatz greift mir doch etwas zu kurz. Unzählige Beziehungen sind damit nämlich nicht zu erklären. Was hilft ein Haserl, das aber dämlich ist ohne Ende. Warum lassen sich Frauen auf Schläger ein? Der Samaritereffekt?
Ein insgesamt interessantes Thema, aber so einfach ist das nicht. Weder das Thema selbst, noch es zu beschreiben. Statt der endlosen Wiederholungen und Checklisten hätte ich mir gewünscht, daß die Autoren mehr qualitativ vorgegangen wären und eine kleinere Zahl konkreter Fallbeispiele detailliert durchleuchtet hätte, womit man dann die Studien mit ihren hohen Sample-Zahlen konterkarrieren (allenfalls bestätigen) hätte können.
Allen et Barbara Pease: Warum Männer immer Sex wollen und Frauen von der Liebe träumen.
Weil dieser Erklärungsansatz greift mir doch etwas zu kurz. Unzählige Beziehungen sind damit nämlich nicht zu erklären. Was hilft ein Haserl, das aber dämlich ist ohne Ende. Warum lassen sich Frauen auf Schläger ein? Der Samaritereffekt?
Ein insgesamt interessantes Thema, aber so einfach ist das nicht. Weder das Thema selbst, noch es zu beschreiben. Statt der endlosen Wiederholungen und Checklisten hätte ich mir gewünscht, daß die Autoren mehr qualitativ vorgegangen wären und eine kleinere Zahl konkreter Fallbeispiele detailliert durchleuchtet hätte, womit man dann die Studien mit ihren hohen Sample-Zahlen konterkarrieren (allenfalls bestätigen) hätte können.
Allen et Barbara Pease: Warum Männer immer Sex wollen und Frauen von der Liebe träumen.
Samstag, 11. April 2015
Geschichte relativiert
Wenn sie einem in der Schule versuchen, Geschichte einzutrichtern, so hat das stets den Anschein, als sei all das wahr. Nicht nur die sogenannten "Fakten", auch logisch-schlüssige Erklärungen und Abfolgen werden mitgeliefert. Dann kommt der Test und man vergißt es auch rasch wieder. Dabei: mindestens genau so spannend wie die Geschichte selbst, ist die Frage, woher kommt das. Denn Geschichte ist nur EINE Geschichte, EINE Sichtweise, EIN Konstrukt. Was dem einen ein Freiheitskämpfer, ist für die anderen ein Terrorist. Befreiung oder Besatzung? Und da wird es auch schon politisch. Denn das Gros der Bevölkerung hat seinen Geschichtsbegriff aus der Schule. Die dort vertretene Lehre und besonders die Schulbücher geben eine Sichtweise ab, die von Politikern als "richtig" angesehen wird. Wie "richtig" aber Geschichte sein kann, hat Umberto Eco in "Der Friedhof von Prag" schön skizziert. Er hat dabei praktisch ausschließlich auf real existenten Personen die Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion konstruiert auf Basis von Schwindel, Fälschung, Abschreiben und Erfindung. Und wenn ein solcherart gefälschter Bericht auch noch so an den Haaren herbeigezogen ist, wenn er jemanden nützt und dazu einen hohen Preis hat, wird er geglaubt. Daneben macht der Roman von Eco auch noch Freude, da er in eine der (für mich) spannensten Epochen fällt, nämlich das ausgehende neunzehnte Jahrhundert, das Umbrüche brachte, die gewiß noch radikaler waren, als was uns heute Computer und Internet bescheren. Zudem fragt man sich immer, wie Eco solch aberwitzige, historische Charaktäre so lebhaft in Szene setzen kann.
Umberto Eco: Der Friedhof von Prag.
Umberto Eco: Der Friedhof von Prag.
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