Montag, 24. Juli 2017

Der Urknall der Vampirgeschichten

Es liest sich aus heutiger Sicht einigermaßen unspektakulär. Trotzdem lohnt der Rückgriff auf die Urversion des Dracula von Bram Stoker. Hier werden Leitlinien eingeführt, die sich im Vampirkult durch zig Filme und Bücher gehalten haben, die bekanntesten, etwa Sonnenlicht und Knoblauch, die dem fledermausartigen Wesen schaden, Blut als Nahrung, das Kreuz, das Pfählen, den Sarg als Tagesschlafstätte. Aber auch weniger bekannte, beispielsweise die Möglichkeit, Wasser zu überschreiten oder die Unmöglichkeit dessen. Oder die "Fernsteuerung" von anderen Tieren, Wölfen etwa. Ansonsten würde man vom Plot des Buches einen "milden" Actionfilm sehen mit der Verfolgungsjadt per Pferd und Schiff am Ende. Auch das Zusammenschließen einer Gruppe von "Helden" und die wissenschaftliche Herangehensweise an übersinnliche Phänomene kann als Blaupause für viel, viel Popularkultur gesehen werden. Somit: unspektakulär das Werk für sich, aber spektakulär als Vorlage für das zwanzigste Jahrhundert (und folgende).

Bram Stoker: Dracula.

Sonntag, 18. Juni 2017

The Road to everywhere

Ichselbst war zu diesem Buch durch einen Song von Van Morrison gekommen, nämlich "Cleaning Windows", wo auf Jack Kerouac´s "On the road" referenziert wird. Jetzt, nimmt man den Text für sich her, also ohne die Betrachtung in seiner Zeit und seine Entstehung, so ist es eine ohne dramatisches Gerüst zusammengeschusterte Geschichte von Reisen und ein Leben im hier und heute. Jack und Neal teilweise wie Sandler, hauptsache unterwegs, Zusammentreffen und Abschiede, Personen auf der Straße, Neal die Gabe, alles und jedes interessant und toll zu finden: Ja! Ja! Erfahrungen und Eindrücke sammeln, Spaß haben.

Aber in seiner Zeit, nämlich Ende der 1940er, waren die Trips, die dahintersteckende Philosophie natürlich exorbitant bemerkenswert, einerseits als Bruch mit althergekommenen Mustern und Konventionen, andererseits als Blaupause für die 1960er Jahre. Hier wurde das Leben nahe am Sandler und Streuner angereichert mit Musik, Liebe, Spirit (wenn ihr es so nennen wollt) und dem Sog nach Frisco. Und schon haben wir die Hippiebewegung, eine Kulturrevolution in Amerika.

Die Entstehung mit der Papierrolle in weniger als einem Monat abgefaßt hat auch literarische Bedeutung erhalten, der Vergleich mit Jackson Pollock in der Malerei wird gezogen. Der Schreibvorgang als Teil des Kunstwerks, die Rolle ohne Absätze als die Straße.

Jack Kerouac: On the road.

Sonntag, 28. Mai 2017

Ja Nein Vielleicht - wer ist das jetzt

Findet man sich selbst in jedem Buch wieder? Mehr oder weniger bestimmt, manchmal in Teilen, manchmal ringen einem die beschriebenen Ereignisse ein deja-vu ab. In "Ein Spiel und ein Zeitvertreib" haben wir da den Ich-Erzähler, der Dean bewundert und vielleicht auch stellenweise neidisch ist. Dann ist da Dean, der mit Anne-Marie diese grandiose erste Zeit einer jungen Beziehung durchlebt, die rasant beginnt und sich dann noch schrittweise steigert, die nie genug bekommt, die über jedwelche Langeweile, über jeden Argwohn hinweg hilft. Andererseits "stinkt", wie es da heißt, Dean nach Selbstsicherheit, er leidet an permanenter Geldnot und weiß seine Talente nicht zu nutzen.
Ich vermute, es liegt an der Qualität der einzelnen Sichtweisen, die - sich nicht in überbordenden Beschreibungen verlieren - dennoch anregend sind, an den pointierten Nuancen, das man sich in dem Buch wiederzufinden meint.

Donnerstag, 11. Mai 2017

Im Wald geht´s heiß zur Sache

Hier unter dem Titel "Lady Chatterley" erwartet man sich einen saftigen Erotikroman. Und was bekommt man? Viel mehr dazu. Da ist einmal eine Geschichte dahinter, die klar Spannung aufbauen muß. Die junge Frau und der kriegsversehrt gelähmte, aber trotzdem oberschichtsangehörige Gemahl, der sich vorstellen kann, ein Kind "auswärts" zeugen zu lassen. Solange die Frau ihm gehört. Und das Kind. Das geht natürlich völlig daneben. Aber mitverpackt bekommt man den Konflikt zwischen vergeistigter Welt und körperlicher. Die zeitgeistige Entwicklung der totalen Industrialisierung verbunden mit dem Entstehen der auf Geld fixierten Konsumgesellschaft. Und freilich auch eine feste Portion Emanzipation ist dabei: die Frauen fordern ihr Recht - auch im Bett. Somit Geschlechterkampf, der sich aber letzlich im Körperlichen auflöst. Ein gelungener Roman, der definitiv als Klassiker einzureihen ist. Übrigens, ein Blick auf eine aktuelle Verfilmung des Stoffes zeigt wieder einmal, wie die Übersetzung ins Bildliche einer guten Romanvorlage jeden Zahn zu ziehen in der Lage ist. Opulent und aufwendig insziniert, aber sonst sehr lau.

David H. Lawrence: Lady Chatterley.

Mittwoch, 12. April 2017

Der lange Pfad des Piero Manzano

Auf der ersten Seite muß der gute Piero gleich einen Autounfall mitmachen. Und das war erst der Anfang von harten 14 Tagen. Die Sache mit dem angeschossen werden und der Szene im Krankenhaus war noch okay, aber das mit dem Gefängnis, dem Feuer dort, der Schießerei, der Flucht mit dem Schienenbaufahrzeug. Also doch etwas viel dann. Aber sonst ein sehr guter Roman, ein "Schlafräuber", wo man, die Zeiger gegen Mitternacht, hart mit der Entscheidung kämpft: noch ein Kapitel, oder schlafen gehen? Die Botschaft des Buches, Blackout, ist auch nicht gerade beruhigend. Weil das ist nicht so weit hergegriffen. Die Welt hat sich in Marc Elsbergs Buch in kurzer Zeit geändert wie es kein Krieg in der Schnelle vermochte. Freilich, ob den Bösen so eine breit angelegte Abschaltung wirklich gelingen würde, ist eine andere Frage. Andererseits... wenn alles mit allem vernetzt ist...

Marc Elsberg: Blackout.

Donnerstag, 30. März 2017

Kurz der Krieg, langsam der Friede

Nicht daß ich den Film je gesehen hätte. Vielleicht eine Bildungslücke. Aber der Roman von Marageret Mitchell fiel mir in die Hände. Und er ist mit unter 200 Seiten im Vergleich zum Film sehr dünn. In der Erwartung, eine Liebesgeschichte vorzufinden, die sich um Scarlett und Rhett dreht, staunte ich nicht schlecht, als Rhett nur phasenweise auftaucht. Daß sie ein Paar werden, wird in einem Halbsatz abgetan. Aber als Europäer, der in seiner Geschichtestunde ja von einem Krieg zum anderen stolpert, liest es sich schon interessant, daß wie bei so vielen Kriegen die Besiegten auch nicht alles richtig machen; und daß das Aufräumen und Kitten zerbrochenen Porzellans länger dauert, als der Krieg selbst. Im Irak ist immer noch nicht "aufgeräumt", die (Golf-)Kriege waren dagegen lächerlich kurz.

Margaret Mitchell: Gone with the Wind.

Sonntag, 19. März 2017

Das zischt Dir nur so um die Ohren

Jetzt wirkt die Geschichte etwas konstruiert. Der Knast, die Briefe, Vergangenheit: immer schön abwechselnd. Und die Diskussionen zwischen den Händlern ziehen sich hin, zuerst glaubst Du, völlig sinnlos. Aber es wird. Nach einer Zeit fängst Du an, auch schon nur mehr in Formel-I-Fakten zu denken. Dreimal ist eine Antwort. Das Buch liest sich mit unglaublichem Tempo, ein wenig absurd und mit schönem Weihnachtslied am Ende. Haas auch ohne Brenner, ohne seinen mittlerweile legendären Stil, witzig und eigen.