Sonntag, 1. März 2015

Loser Leitfaden Chemie

Wieder ein Autor aus Italien, wieder eine fein durchdachte Struktur für ein Buch: die Chemie, die Elemente. Jedes Kapitel ein Element. Dahinter verbirgt sich die - oder ein Teil der - Lebensgeschichte des Autors. Anfangs dachte ich sogar, jedes Kapitel hätte eine Person und die damit verbundene Geschichte, vielleicht sogar, daß die Person irgendwie der Eigenschaften des Elements enspricht, wie Argon das Träge, und überhaupt Edelgase.

Leider hat sich die Idee doch in den ersten Kapiteln verbraucht und es erscheint mir eher wie die lose Aneinanderreihung von Episoden. Der übergeordnete Bogen mag die Chemie sein, aber etwas mehr Doppelbödigkeit wäre fein gewesen. Gleichwohl man sagen muß, daß Levi´s Leben ja mehr als genug hergibt. Aber ich bin kein Fan von Biographien, selbst wenn sie so fein gemacht sind wie diese.

Aber da ich gerne lerne, fand ich den chemischen Vortrag dann doch am tollsten. Und vielleicht sollte ich mal ein anderes Werk von Levi zur Hand nehmen, indem die Chemie sich mehr verbirgt.

Primo Levi: Das periodische System. Bd.48 SZ-Bibliothek

Donnerstag, 12. Februar 2015

Da kann man ins Schwärmen geraten

Weltuntergangsszenario. Filmisch aufgearbeitet kommen mir stets die Roland Emmerich Filme in den Sinn. Inhaltlich schwach, dennoch bildgewaltig. In Buchform kann das auch anders abgehen. Freilich: Personen mit unterschiedlichen Vorgeschichten, die im Laufe der Katatrophe zusammentreffen und da durch müssen, das ist eine Kernzutat für die entsprechenden Filme. Actionszenen und Spezialeffekte lassen sich im Buch zwar nicht einfach, dennoch viel einfacher als im Film umsetzen. Die Stärke des Buches kommt zum tragen einerseits im ausreichenden Platz, die Gedanken der Personen zu formulieren. Denn die Stimme aus dem Off im Film mag interessant sein, aber zuviel ist dann doch bald. Und zweitens, im Buch wird sorgfältig und aufwendig recherchierte, wissenschaftliche und technische Detailinformation nicht verdichtet auf ein paar Sätze und Bilder, sondern es ist ausreichend Platz für Erklärungen, Szenarien, Irrwege und Wissen. Damit eintausend Seiten geradeaus zu füllen, scheint denkbar, gleichwohl muß der Aufwand gewaltig sein. Frank Schätzing hat sich das angetan und mit "Der Schwarm" eine ausgezeichnete Mischung aus Belehrung und Handlung, aus Sachbuch, Thriller und Action abgeliefert. Gerade daß der Sachbuchcharakter durch profane Action "Super Stallion stürzt in Insel der USS Independence" unterbrochen wird, hält einen in Atem. Und irgendwie klingt alles logisch und nachvollziehbar, und man glaubt schon fast, einer der Wissenschafter an Bord zu sein. Ich meine: als Binnenlandler denkt man über das Meer gerade mal: Okay, hier kann ich stehen, dort nicht mehr, und irgendwo ist es 11.000 Meter tief. Daß allerdings sehr viel dazwischen liegt und der Meeresgrund alles andere als eine "g'mahte Wiesn" ist, lernt man hier auf spannende Art und Weise. Auch der Diskurs über die Evolution und den Menschen als Krone der Schöpfung, weil er komplex aufgebaut ist, und die Frage, wie erfolgreich diese Form wirklich ist - sehr lesenswert. Daß dabei die eine oder andere Stunde Schlaf abzwackt wird, ist mehr als verständlich.

Frank Schätzing: Der Schwarm.

Dienstag, 27. Januar 2015

Zero ist erst der Anfang

Dieses Buch sei etwas für mich, hat es in der Bücherei geheißen. Schnell hat man den Geruch eines IT-Menschen an sich, wenn man nur das kleine Einmaleins beherrscht. Nicht daß sie jetzt anfangen mit: unter den Blinden... Auch die Heldin des Buches, Cyn, ist schon über vierzig und mit IT nur solala drauf. Schon gar nicht kennt sie Freemee und deren Actapps, etwas, das ihre Tochter und deren Freunde längst kennen und nutzen.

Mit einer Mischung aus Technologie, Soziologie und Psychologie verspricht dieses Buch eine Utopie, in der wir aber schon fast angekommen sind. Die vermeintliche Selbstkontrolle über seine Daten und hilfreiche Ratgeber entpuppen sich als Manipulationsinstrument von nie dagewesener Effizienz. Dazwischen funkt noch die Zero-Gruppe, ein gut getarnter Hackerverein.

Bei jedem Buch braucht es eine Zeit, bis ich in den Rhythmus reinfinde, und dann bin ich meist recht froh, wenn es nicht zu dünn ist. Bei "Zero" hat mich der rasante Wechsel der Einstellungen zu Beginn irritiert. Aber schau genau! Stimmig mit dem Thema, der modernen, IT-durchtränkten ultraschnellen Gesellschaft, die dominiert von Informationshäppchen und Aufmerksamkeitsökonomie ist.

Selbst findet man sich in Cyn wieder. Nicht bloß der Alterskohorte wegen. Man ist in den 1970er und 1980er Jahren mit analoger Technik aufgewachsen und hängt den neuesten Trends meist nach. Und wenn, dann hinterfragt man viel zu viel. Aber eines ist Cyn auch: lernfähig. In der Nicht-Selbstverständlichkeit des Internet und der Computer bzw. mobilen Geräte liegt das cui bono. As there is no such thing as a free lunch, wo ist der Haken? Fragen Sie heute einen 14-jährigen, ob es normal ist, daß Whatsapp, Fakebook etc. nichts kosten. Natürlich.Wie kommt es dann, daß ein Unternehmen, das seine Dienstleistungen verschenkt, an der Börse um Milliarden gehandelt wird? Aber man muß ja nicht mitmachen. Muß man nicht? ManRank: kein Rating ist schlechter als keines. Bald schon wird man verdächtig, wenn man kein Fakebook Profil hat.

Aber vielleicht kommt am Ende alles anders, und ein "Zero" rettet uns in letzter Sekunde? Bleiben wir gespannt (und etwas umsichtiger als der breite Durchschnitt).



Marc Alsberg: Zero


Samstag, 24. Januar 2015

Der Frauentränenumfaller lebt vom Schmäh

Das Gute an Wolf Haas´ Werken, und das speziell an der Brenner-Reihe: der wunderbare Erzählfluß mit seinen textuellen Eigenheiten, die man vermutlich nur lernen kann, wenn man als junger Mensch Zeit in Wirtshäusern verbracht hat, wo die Alten "dischkutiert" haben. Weil interessant. So was setzt sich fest, und dann vergißt man es. Und auf einmal ist es wieder mir nichts dir nichts da. Und dann natürlich der kleine Schmäh am laufenden Band, ja was glaubst du.

Die Story insgesamt gibt jetzt nicht so viel her. Etwas vermengt, russische Frauen, die Herta, Wiener Unterwelt. Dazu Auslandseinsätze in Rußland und der Mongolei. Ein offener Schluß dazu. Jetzt nicht so richtig durchgängig wie etwa bei "Wie die Tiere". Aber paß auf was ich Dir sage. Wer solcherart Wuchteln drücken kann, mit einer Schmählebenserfahrung, wie der Haas, dem hört man stundenlang gerne zu, wenn er nur einen Bierdeckel anschaut und erzählt, egal, ob er jetzt ein Frauentränenumfaller ist.

Wolf Haas: Brennerova.

Donnerstag, 8. Januar 2015

Ente á la Friesenhahn

Also bin ich wieder hin um den ersten Roman vom Friesenhahn, "Canard Saigon". Mit dem zweiten in mir, ging ich schon mit einer gewissen Erwartungshaltung zu Werke. Wieder dieser Ermittler (Major bitte, nicht Kommissar), der mit wenig eigenen Problemen auskommt und trotzdem eine spannende Ermittlungsrally hinlegt. Die viele beschriebene Polizeiarbeit, die vielen Sitzungen, die vielen Sackgassen. Das kommt sehr realistisch daher, wie mir scheint. Und garnicht langweilig. Das allererste Kapitel mit Karl Wagner, das dann über 200 Seiten lang alleine dasteht, bis es seinen Anknüpfungspunkt in Charles Wegner erfährt: so gefällt mir das. Ein paar haarsträubende Greueltaten braucht es anscheinend heutzutage, gleichwohl die umfassende Recherchearbeit und minutiöse Erzählweise auch das sauber ein- und ausleiten. Nicht oft lese ich 500 Seiten Bücher in so kurzer Zeit, teils bis in die Nacht hinein. Nächster Friesenhahn? Fix.

Harald Friesenhahn: Canard Saigon.

Samstag, 27. Dezember 2014

Aller Anfang ist leicht

Ein Buch über das Lesen, noch dazu vollständig durchkonstruiert und mit jeder Menge direkter Ansprache meiner, also des Lesers: und trotzdem fesselnd genial. Lauter Anfänge, einer spannender als der andere. Und keiner wird je fortgesetzt. Aber das ist das Schema: eine Rahmenhandlung, die zunehmend skurriler wird, in einem Maße, wie wir sie auch einem anderen Autor, der von Burkhart Kröber übersetzt wird, nämlich U.E. zutrauen würden. Und dann jeweils das erste Kapitel. Und wundersam, durch Druckfehler, Verlust, Diebstahl, Beschlagnahmung - immer ist das zweite Kapitel und der Rest nicht zugänglich. Und dann am Ende, das dicke Ende: die Titel der Bücher hintereinander ergeben wieder den Anfang eines Buches. Nicht daß der Autor mit seiner Intention hinter dem Berg halten würde (Seite 208 erklärt er, daß sich jeder Roman erschöpft und in den ersten Seiten alles gesagt sei). Interessanter Gedanke! Damit entläßt man den Leser damit, sich selbst etwas auszudenken. Gewiß haben unzählige Hobbyautoren Werke wie das "Weichbild von Malbork" oder "Ohne Furcht vor Schwindel und Wind" fortgesetzt. Sehen wir doch einfach mal beim Universaltrödler Amazon nach. Anscheinend sind all diese Werke verschollen. Bis auf das erste Kapitel natürlich!

Italo Calvino: Wenn ein Reisender in einer Winternacht.

Donnerstag, 13. November 2014

Haas ohne Brenner

Man nehme einen Buchtitel, unter dem man sich wenig vorstellen kann, der aber jedenfalls auffällt, sagen wir "Die Verteidigung der Missionarsstellung". Dann noch einen Autor, den man ob seiner Brenner Romane liebt. Und dann läßt man sich kräftig überraschen. (Ich gehöre zu jenen Lesern, die über ein Buch vorweg nichts wissen wollen. Ich lese nicht mal den Flappentext.Ist so eine Marotte von mir). Und es startet gleich mit einem spritzigen Dialog mit Sachen, die Ben fast gesagt hätte. Noch ist man naiv. Doch dann biegt der Text auf Seite 19 ab. Und damit startet eine Reihe von Elementen, die den Text selbst als Gestaltungselement einbeziehen. Ganz toll der Fahrstuhl! Zugegeben, das hab ich erst beim dritten Anlauf kapiert. Auch seitenweise chinesisch, ganz toll. Das mit der Metasprache wird da sehr wörtlich genommen, aber Platz im Buch wird eingespart, indem die endlosen Beschreibungen des Hintergrunds mit Anweisungen an den Autor selbst in eckigen Klammern, wie er es später machen sollte, auf ein stichwortartiges Minimum beschränkt werden. Die Rede mit dem Leser ist ohnedies ein weiterer Gegenstand, etwas, das ich in größerer Dichte an sich nicht so toll finde. Aber Haas hat es geschafft, trotzdem nämlich!, eine coole, witzige Story voranzutreiben, die vor Ironie und Wortwitz nur so strotzt.

Wolf Haas: Verteidigung der Missionarsstellung.